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Das Friedenslicht von Bethlehem

Donnerstag, Dezember 25th, 2008

Am vierten Advent bin ich wieder einmal in unseren Abendgottesdienst Zwischenhalt gegangen. Er stand unter dem Thema „Spuren des Lichts“. Als ich in die Kirche kam, da sah ich schon die kleine Laterne auf dem Altar stehen und freute mich. Ich wusste sofort, das ist bestimmt das Friedenslicht aus Bethlehem. Vor dem Altar war ein Tisch aufgebaut mit vielen kleinen Windlichtern.

Wie an fast jedem Zwischenhaltgottesdienst war die Kirche voll. Die 150 gedruckten Liederzettel waren schnell verteilt. Wir, Pascal und sein Freund Lauren, waren glücklicherweise rechtszeitig gekommen und hatten einen schönen Platz.

Während des Gottesdienstes wurde die Geschichte von dem Zündholz und der Kerze erzählt:

Die Angst der Kerze

Eines Tages kam ein Zündholz zur Kerze und sagte: „Ich habe den Auftrag, dich anzuzünden.“
„O nein!“ erschrak da die Kerze. „Nur das nicht. Wenn ich brenne, sind meine Tage gezählt! Niemand mehr wird meine Schönheit bewundern!“ Und sie begann zu weinen.
Das Zündholz fragte: „Aber willst du denn dein Leben lang kalt und hart bleiben, ohne je gelebt zu haben?“
„Aber brennen tut doch weh und zehrt an meinen Kräften“, schluchzte die Kerze unsicher und voller Angst.
„Das ist schon wahr.“ entgegnete das Zündholz. „Aber das ist doch auch das Geheimnis unserer Berufung: Wir sind berufen, Licht zu sein. Was ich tun kann, ist wenig. Zünde ich dich aber nicht an, so verpasse ich den Sinn meines Lebens. Ich bin dafür da, das Feuer zu entfachen. Du bist die Kerze. Du sollst für andere leuchten und Wärme schenken. Alles, was du an Schmerz und Leid und Kraft hingibst, wird verwandelt in Licht. Du gehst nicht verloren, wenn du dich verzehrst. Andere werden dein Feuer weitertragen. Nur wenn du dich versagst, wirst du sterben.“ Da spitzte die Kerze ihren Docht und sprach voller Erwartung: „Ich bitte dich, zünde mich an.“

Danach durfte man nach vorne kommen und sich ein Windlicht mit dem Licht aus Bethlehem holen.

Zwischenhalt

Seit dem Jahr 1986 wird von einem österreichischen Kind in der Geburtsgrotte Jesu entzündet. Von Bethlehem aus reist das Licht mit dem Flugzeug nach Wien. Dort wird es am dritten Adventswochenende in alle Orte Österreichs und in die meisten europäischen Länder gesandt.Ein Licht aus Bethlehem soll als Botschafter des Friedens durch die Länder reisen und die Geburt Jesu verkünden. Das Licht ist das weihnachtliche Symbol schlechthin. Mit dem Entzünden und Weitergeben des Friedenslichtes soll an die weihnachtliche Botschaft und an den Auftrag, den Frieden unter den Menschen zu verwirklichen, erinnert werden. Das Friedenslicht ist kein magisches Zeichen, das den Frieden herbeizaubern kann. Es soll die Menschen vielmehr an die Verpflichtung erinnern, sich für den Frieden einzusetzen. Das Friedenslicht ist ein Zeichen der Hoffnung. Es hat sich in wenigen Jahren von einer kleinen Flamme zu einem Lichtermeer ausgeweitet und leuchtet mit seiner Botschaft Millionen von Menschen.

Pascal und Lauren gingen zu Fuß nach Hause mit ihren Windlichtern. Da ich Kollektendienst hatte, fuhr ich mit meinem Licht erst einmal ins Gemeindehaus zum Zählen. Vor der Tür stand Ulrich, sein Licht war schon ausgegangen. Von meinen zwei Lichtern hatte ich wenigstens eines bis dahin gerettet und zündete die anderen beiden im Gemeindehaus wieder an. Zurück fuhr ich ganz vorsichtig mit dem Auto, besorgt, dass die Lichter umkippen und ausgehen könnten. Doch ich brachte die wertvolle Fracht sicher nach Hause. Pascal begrüßte mich sofort mit den Worten:“Brennt deines noch?“. Ihre beiden Lichter hatte der Wind ausgeblasen. Wie gut, dass ich schon so eine Grabkerze für Tobias gekauft hatte, die zündete ich an und stellte sie ins Fenster.

Licht aus Bethlehem

Zeit vier Tagen brennt das Licht nun bei uns in dieser Kerze… Total schön. Kai erzählte, dass er jeden morgen gleich ganz vorsichtig guckt, ob es noch brennt. Jede unsere Kerzen an Weihnachten wurde mit diesem Licht angezündet. Eigentlich ist es ja nur ein ganz normales Licht, aber irgendwie ein schöner Gedanke, dass es an Jesus‘ Geburtsstätte entzündet wurde und so um die Welt ging. Es wird in vielen Kirchen und Familien über die Weihnachtstag brennen.

Als ich Heiligabend – zum ersten Mal alleine mit Pascal – zu Tobias auf den Friedhof gefahren bin, nahmen wir es natürlich mit.

Tobias Grab Weihnachten 2008

Für mich ist es schön zu wissen, dass am Heiligabend auf dem Grab ein Licht brennt und nun sogar das Bethlehemlicht, so wie bei uns zu Hause. Ein total schöner Gedanke.

„Hinter dem Vorhang“.

Mittwoch, November 26th, 2008

Gestern war der besondere Gottesdienst Zwischenhalt zum Thema „Hinter dem Vorhang“. Am Nachmittag war ich dann doch schon recht aufgeregt, auch wenn die Fragen vorher in einem sehr netten Gespräch mit dem Pastor abgesprochen waren. Aber es ist lange her, dass ich so öffentlich Tobias Geschichte erzählte habe und über meine Trauer berichtete.
Ich war etwas früher da und Michael und die anderen aus dem Team begrüßten mich ganz herzlich. Der Gottesdienst begann wie immer mit einem Lied der Band.

Zwischenhaltband

Gestern: „Über den Horizont“ von Udo Lindenberg mit der Zeile

Hinterm Horizont geht´s weiter
ein neuer Tag
hinterm Horizont ,immer weiter
zusammen sind wir stark

Dann gab es eine Begrüßung und Einführung ins Thema. Und das erste gemeinsame Lied wurde gesungen: „Meine Zeit steht in Deinen Händen

Meine Zeit steht in deinen Händen.
Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir.
Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden.
Gibt mir ein festes Herz, mach es fest in dir.
Sorgen quälen und werden mir zu groß.
Mutlos frag ich: Was wird morgen sein?
Doch du liebst mich, du lässt mich nicht los.
Vater, du wirst bei mir sein.
Hast und Eile, Zeitnot und Betrieb
nehmen mich gefangen, jagen mich.
Herr, ich rufe: Komm und mach mich frei!
Führe du mich Schritt für Schritt.
Es gibt Tage, die bleiben ohne Sinn.
Hilflos seh ich, wie die Zeit verrinnt.
Stunden, Tage, Jahre gehen hin,
und ich frag, wo sie geblieben sind.
Meine Zeit steht in deinen Händen.
Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir.
Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden.
Gibt mir ein festes Herz, mach es fest in dir.

Danach war ich dann schon dran. Interviewt hat mich mein Lieblingspastor Michael Wabbel. Wir standen vorne zusammen an so einem Bistrotisch. Ich versuche jetzt mal das Interview so aus meinem Gedächtnis widerzugeben:

Michael: Vielen Dank Pirko, dass heute Abend hier her gekommen bist. Bitte erzählen, was vor 11 Jahren Euch geschehen ist.
Pirko: Vor 11 Jahren war ich 30, hatte zwei Jahre zuvor mein Studium und Ausbildung beendet und wir beschlossen, dass es schön wäre, wenn wir jetzt ein Kind bekämen. Ich wurde auch sofort schwanger und war so überglücklich. Ende der 23 Schwangerschaftswoche bekam ich dann allerdings einen Infekt mit Streptokokken, wie sich später herausstellte. Dieser führte zu Vorzeitigen Wehen. Ich bin dann noch vom Mariahilf ganz spektakulär mit Blaulicht ins Krankenhaus Altona gebracht worden. Sie hofften noch, sie würden die Wehen zum Stillstand bekommen, leider nicht. Es kam zur Geburt und unter der Geburt starb mein Sohn Tobias. Er wurde also still geboren. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich hätte nie gedacht, dass mich etwas mal so umhauen würde, mir so den Boden unter den Füssen entziehen. Ich habe wochenlang nur geweint. Ich bin mit Tränen morgens aufgewacht und abends ins Bett gegangen.

Michael: Was hat dich nach all dem Geschehen bewogen, an die Öffentlichkeit zu gehen?
Pirko: Tod ist ein Tabuthema, aber ein noch größeres Tabu ist der Tod von Kindern, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. Diesen Eltern wird oft nicht erlaubt von ihren Kinder zu sprechen. Es fällt den anderen schwer die Trauer zu verstehen, denn sie haben das Kind ja nicht gekannt. Es erwartet, dass sie schnell darüber hinwegkommen. Damals wurde von mir erwartet, dass ich das einfach wegstecke und funktioniere, ich müsse einfach wieder schwanger werden und dann sei alles in Ordnung.

Michael: Du bist sehr engagiert… Wie äußert sich heute dein Engagement?
Pirko: Relativ kurz nach den Tod von Tobias habe ich mich bei den Verwaisten Eltern engagiert, deren Website aufgebaut, für Interviews zur Verfügung gestanden, also Öffentlichkeitsarbeit gemacht, und im Vorstand mitgearbeitet. Das mache ich heute nicht mehr. Aber ich berate betroffene Eltern in rechtlicher Hinsicht zu Themen wie Mutterschutz und Namensrecht, weil es da immer wieder Schwierigkeiten gibt und ich begleite betroffene Mütter – meistens per Mailkontakt oder auch in einem Forum für Betroffene. Eine ganze Zeit, bis zur Geburt meines jüngsten Sohnes habe ich einmal die Woche mit betroffenen Müttern gechattet.

Es kommt auch vor, dass ich betroffene Mütter persönlich – per Telefon oder auch in direkten Gesprächen begleite. Eins hat mich besonders berührt: Vor zwei Jahren habe ich eine Mutter begleitet, deren Sohn die Diagnose bekam, maximal zwei Jahre alt zu werden. Er ist dann vier Monate später mit neun Monaten gestorben. Sie habe ich vor und nach dem Tod ihres Sohnes begleitet und zu ihr habe ich heute noch Kontakt, denn sie ist wieder schwanger.

Michael: Was hat damals geholfen, das Geschehene zu bewältigen?
Pirko: Das wichtigste war eine Selbsthilfegruppe der Verwaisten Eltern und ein Trauerseminar, das ich zusammen mit meinem Mann besucht habe. Dort hatte ich erstmals die Möglichkeit, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Ich habe dort erfahren, dass andere genauso wie ich trauern. Das es ein ganz normaler Trauerverlauf war, was mein Umfeld mir deutlich anders zu verstehen gab. Ich erfuhr, dass ich über mein totes Baby ganz genauso trauern darf, wie andere Eltern über jedes andere Kind. Das tat mir unglaublich gut.

Gerade die erste Zeit hat es mir auch gut getan zu schreiben. All meine Gefühle, meinen Schmerz und meine ganze Trauer aufzuschreiben. Erst habe ich nur Texte geschrieben und später dann auch Gedichte. Gerade wenn es mir schlecht ging, war das ein unglaubliches Ventil für mich.

Michael: Pirko Lehmitz hat übrigens eine sehr beeindruckende Website gemacht, auf der man vielen dieser Texte auch lesen kann. Sie ist leicht zu merken stillgeboren.de. Es lohnt sich, da mal raufzuschauen. Du hast auch Texte und Gedichte verfasst und Dich bereit erklärt uns heute auch ein Gedicht vorzulesen.

Pirko: Ich habe etwas überlegt, welche meiner Gedichte ich vorlesen könnte – ich habe so viele geschrieben – und dann habe ich mich entschieden, ich werde zwei lesen. Eines, was relativ kurz nach dem Tod von Tobias entstanden ist und ein zweites, das ich zwei Jahre später geschrieben habe

Plötzlich wurde es Nacht
mitten an einem schönen Sommertag
das Licht erlosch
Dunkelheit und Kälte
wo eben noch Glück und Leben
in mir
um mich herum
nur Lähmung und Schweigen
ohne Dich wage ich keinen Schritt
um nicht noch tiefer
in der Dunkelheit zu versinken
bitte führe mich aus der Finsternis
zurück ins Leben
zeige mir den Weg
damit die Sonne wieder aufgeht
ich wieder wage zu leben
ganz neu

Tränen des Herzens
sie waschen es aus
machen es rein
für die Gefühle
die wir aufheben wollen
die uns wärmen
die uns Licht geben
rein und klar

Herausgespült wird
die Wut
die Schuld
und die Angst

die Tränen schaffen Platz
für die Dankbarkeit
für die Erinnerung
und für die Liebe

Liebe in unseren Herzen

Michael: Vielen Dank Pirko.
Pirko: Darf ich noch etwas in diesem Zusammenhang ankündigen?
Michael: Ja, gerne.
Pirko: Am 14 Dezember ist der Weltgedenktag für verstorbene Kinder. An jedem zweiten Sonntag im Dezember. Dieser Tag wird auf der ganzen Welt begangen. Um 19 Uhr zündeten die Eltern für ihre verstorbenen Kinder eine Kerze an und stellen sie ins Fenster. Wenn die Lichter in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, so dass eine Lichterwelle rund um die Welt geht. Auch ich werde das am 14. Dezember mit meinen Jungs machen.

Ich erhielt Applaus und setzte mich.

Michael kündigte das nächste Lied an – ich wusste es schon und hatte im Vorgespräch vorsichtig gefragt, ob es nach dem Interviews käme: Tears in Heaven.

Das nächste Lied ist von Eric Clapton, dessen fünfjähriger Sohn auf sehr tragische Weise ums Leben gekommen ist. Er fiel aus dem Fenster des 35 Stockes eines Hauses in Manhattan. Er hat seine Trauer in diesem Lied verarbeitet. Er stellte sich vor, wenn er ihn im Himmel wiedersehe. Eine Zeile heißt:

Ich muss stark sein und weitermachen.
Denn ich weiß,
ich gehöre (noch) nicht in den Himmel
Jenseits der Türe, da ist Frieden,
und ich weiß ganz sicher,
dass es im Himmel keine Tränen gibt
Dann spielte die Band Tears in Heaven. Total schön.

Dann gab es die „Mitmachaktion“…in dem Gottesdienst wird immer etwas vorne aufgebaut und man muss dann nach vorne gehen und kann sich dort was abholen. Wir hatten am Eingang eine kleine Träne mit Anhänger bekommen. Die sollten wir nach vorne bringen. Im Taufständer war eine Glasschüssel, die wurde von unten beleuchtet. In der dunklen Kirche leuchtet die total schön. Da sollten wir unsere Träne hineintun und uns in mehreren großen Kreisen da herum stellen. Obwohl die Kirche voll war, war es ganz ruhig dabei.

Altar mit der Tränenschüssel

Als alle Tränen gesammelt waren, erklang ein Ton von einer Klangschale. Reimer sprach denn die Worte: „Und Gott wird alle Tränen abwischen“. Wieder erklang die Klangschale. Dies wiederholte sich dreimal. dann wurden wir aufgefordert, uns eine Träne aus der Schale zu holen und die Träne eines anderen mitzunehmen. Ich hoffe, es werden wieder Bilder ins Internet gestellt. Das sah total schön aus. Normalerweise wird in diesen Gottesdiensten fotografiert, auch die Interviews, doch diesmal nicht, weil sie aufgrund des Themas das nicht angebracht fanden. Aber die Tränen sind im Anschluss fotografiert worden.

Tränen

Gottesdienste müssen Spaß machen

Sonntag, Juli 20th, 2008

Gottesdienst in St.Paulus

Ja, Gottesdienste machen mir Spaß, ganz besonders hier in St. Paulus. Macht es nicht Spaß eine ganze Stunde Gott nah zu sein, Lieder zu singen und Geschichten zu hören?

Mal im Ernst: Gottesdienste hier in St. Paulus machen mir Spaß, aber nicht Spaß in Form von: Es ist lustig, es gibt viel zu lachen, ich kann mich unterhalten lassen. Natürlich, auch in Gottesdiensten kann es Momente geben, in denen gelacht wird, aber das ist es nicht, was ich meine. Gottesdienste machen mir Spaß, wenn ich mich ganz auf sie einlassen kann, wenn ich eine Stunde ganz dabei bin und wenn ich etwas mit nach Hause nehme. Ein Gottesdienst bedeutet für mich, gute Musik zu erleben, zu singen, auch wenn ich nicht wirklich gut singen kann, einer Band oder der Kantorei zu zuhören oder wenn David Schollmeyer Orgel spielt. Gottesdienst bedeutet für mich, ganz einzutauchen in eine Geschichte, die mein Herz berührt, von einer Predigt eingefangen zu werden, die etwas in mir öffnet. Gemeinsam ein Gebet zu sprechen und dabei zu fühlen, ich bin nicht alleine mit meinem Glauben. Gottesdienst bedeutet für mich auch, das Abendmahl zu feiern und dabei zu spüren, Gott  ist bei uns.
Ich genieße sehr die verschiedenen Gottesdienste hier in St. Paulus: den ursprünglichen Gottesdienst am Sonntag um 10 Uhr, geführt von einer Liturgie, die wie ein Ritual mir Halt gibt, den Zwischenhaltgottesdienst, der jedesmal etwas ganz Neues offenbart und auch den Feierabendgottesdienst, der einlädt zum Mitmachen.
Jeder Gottesdienst ist etwas ganz besonderes, etwas was mir ganz besonders gut tut.

April 2007
veröffentlicht im Paulusbrief

Versetzung gefährdet

Montag, Juli 14th, 2008

 Versetzung gefährdet

Versetzung gefährdet ist das Thema des Gottesdienstes Zwischenhalt – denn Ferien- und Zeugniszeit stehen vor der Tür.  Kennen wir das nicht fast alle selbst oder von unseren Kindern, ob groß, ob klein  – die Erwartung von weniger guten Zensuren und den damit verbundenen Sorgen?

Mutig stellt sich Ann-Kathrin Kahle – eine „Elft-Klässlerin“, die eine Klasse wiederholt hat, den Fragen von Pastor Michael Wabbel. Beeindruckend offen erzählt sie, wie es ihr als Wiederholerin ergangen ist und zeigt, dass auch so was kein Weltzusammenbruch ist, sondern eine neue Chance eröffnet, die sie offenbar wahrgenommen hat.

Der zweiter Interviewpartner erzählt, ebenso mutig, er sei drei mal von der Schule geflogen, aber seine Eltern haben gleichwohl zu ihm gehalten und auf ihn vertraut, so dass er letztendlich doch noch eine glänzende Karriere machen konnte.

Bewusst wurde uns Zuhörern, wie wichtig es für Betroffene ist, bei allem Zeugnis-Missmut doch Verständnis zu spüren, sich geborgen zu fühlen, um mit neuem Mut wieder eine Schul- oder Lebens-Runde weiterzukommen.

Wie immer spielt die Zwischenhaltband Lieder deren Musik und Texte unter die haut gehen. Besonders berührt hat mich das Lied Zeugnistag , in welchen Reinhard May erzählt, wie seine Eltern trotz seiner Unterschriftsfälschung ihn nicht allein ließen.

Ich denke, ich muß so zwölf Jahre alt gewesen sein, und wieder einmal war es Zeugnistag. Nur diesmal, dacht‘ ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein, als meines weiß und häßlich vor mir lag. Dabei war’n meine Hoffnungen keineswegs hochgeschraubt, ich war ein fauler Hund und obendrein höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt, so ein totaler Versager zu sein.

So, jetzt ist es passiert, dacht‘ ich mir. jetzt ist alles aus, nicht einmal eine 4 in Religion. Oh Mann, mal diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus, sondern allenfalls zur Fremdenlegion. Ich zeigt‘ es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie, schön bunt, säh nicht schlecht aus, ohne zu prahl’n! Ich war vielleicht ’ne Niete in Deutsch und Biologie, dafür konnt‘ ich schon immer ganz gut mal’n!

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus, die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt. Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus, so stand ich da, allein, stumm und geknickt. Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück, voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat’ne Stuck, diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.

Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Auch meine Mutter sagte. ja, das sei ihr Namenszug, gekritzelt zwar, doch müsse man versteh’n, daß sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug, dann sagte sie: „Komm, Junge, laß‘ uns geh’n.“

Ich hab‘ noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor’n und lernte widerspruchslos vor mich hin Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn, daß ich dabei nicht ganz verblödet bin! Nur eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt, die eine nur aus dem Haufen Ballast: Wie gut es tut, zu wissen. daß dir jemand Zuflucht gibt. Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!

Ich weiß nicht, ob es rechtens war, daß meine Eltern mich da rausholten, und wo bleibt die Moral? Die Schlauen diskutieren. die Besserwisser streiten sich, ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt, und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind, wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt, Eltern, die aus diesem Holze sind, Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind!

Pastor Wabbel erzählt uns dazu passend in zeitgemäßem Wortlaut das Gleichnis vom verloren gegangenen Sohn.

Wir nehmen etwas aus diesem besonderen Gottesdienst mit – eine kleine Mischung aus Mut, Verständnis und Wärme für andere und auch für uns.

Ursprünglich geschrieben August 2006
veröffentlicht im  Paulusbrief

Sternstunden

Montag, Juli 14th, 2008

Meine persönliche Sternstunde

Heute Abend war ich mal wieder zu einem der besonderen Abendgottesdienste in unserer Gemeinde – ich hatte glaube ich schon mal hier davon berichtet. Es spielt dort immer eine Band, es gibt Interviews und eine besondere Aktion. Eigentlich hatte ich ja gar keine Zeit…Elias wird morgen 4 Jahre alt: Geschenke muss ich noch einpacken, zwei Kuchen für den Kiga backen, eine Torte für morgen zum Kindergeburtstag, den Geburtstagskerzenzug aufbauen und die Spiele für morgen noch raussuchen…Kai erinnert mich: „ Du wolltest noch zur Kirche, oder?“. Ja, genau, da wollte ich hin, auch wenn ich wenig Zeit habe, aber das brauche ich heute Abend. Dieses Mal stecke ich nicht zurück. Ziehe mich an, setze mich auf mein Fahrrad und fahre zur Kirche…

Das Thema der Predigt war „Sternstunden“. Der Pastor fragte:“Haben auch sie eine persönliche Sternstunde in ihrem Leben gehabt, einen Augenblick in dem sie ganz eins mit sich selbst waren?“. Er erzählte weiter und meine Gedanke schweiften ab. In mir kamen sofort die Bilder nach der stillen Geburt von Tobias hoch. Ja, da war ich total eins mit mir. Ich hatte ihn im Arm und bewunderte ihn. So einen hübschen, perfekten kleinen Jungen. Das ist mein Sohn, so was wunderbares. Ich traute ihn kaum anzufassen, so berührt war ich. Der war die ganze Zeit in meinen Bauch, hat mich getreten und seine Turnübungen gemacht. Ich hatte mich auf der Stelle in ihn verliebt. Ich weiß heute nicht mehr wie lange ich ihn im Arm gehabt hatte, ich hatte alles um mich herum vergessen nichts wahrgenommen. Ja, Kai muss neben mir gesessen haben, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr. Ich erinnre mich nur an Tobias und mich. „Einen Augenblick, in dem ihr Herz ganz zärtlich berührt wurde…“ höre ich wieder den Pastor. Ja, genau, Tobias hat ganz zärtlich mein Herz berührt, genauso war es…Ich schweife wieder ab, bis ich ihn zum Schluss höre:“Für die letzte Adventswoche wünsche ich ihnen eine solche Sternstunde..“. Nein, ich schüttel heftig den Kopf, nein, noch so eine Sternstunde möchte ich nicht, darauf würde ich lieber verzichten. Ich bin wieder ganz da und denke nur, hoffentlich hat mich niemand beobachtet…und lächle.
Am Ausgang schüttel ich seine Hand und sage mit einem breitem Lachen:“Tschüss Michael, eine schöne dritte Adventswoche wünsche ich Dir..:“ und fahre ganz beschwingt nach Hause.

Bis auf die Torte, die noch im Ofen ist, habe ich alles geschafft…

Ursprünglich geschrieben am 16.12.2006

DurchKREUZTEWege

Montag, Juli 14th, 2008

Am Sonntag war ich mal wieder in einer unsere Abendgottesdienste. Von einigen habe ich schon einmal berichtet. Sie sind immer etwas ganz besonderes. Er steht immer unter einem Thema,dieses Mal „gekreuzte Wege“. Es spielt eine Band, es werden Interviews geführt, man muss etwas machen und es gibt neben der Predigt auch immer eine Geschichte zum Nachdenken. Dieser Gottesdienst löst ganz oft, viele Gedanken in mir aus und deshalb möchte ich Euch heute davon erzählen:

Es wurde die folgende Geschichte erzählt:

„Meine Last ist zu schwer
 Ein Mann war mit seinem Los unzufrieden und fand seine Lebenslast zu schwer.

 Er ging zu Gott und beklagte sich darüber, dass sein Kreuz nicht zu bewältigen sei

Gott schenkte ihm einen Traum:

Der Mann kam in einen Raum, wo verschiedene Kreuze herumlagen. Eine Stimme befahl ihm, er möchte sich das Kreuz aussuchen, das seiner Meinung nach für ihn passend und erträglich wäre.
Der Mann ging suchend und prüfend umher. Er versuchte ein Kreuz nach dem anderen. Einige waren zu schwer, andere zu kantig und unbequem, ein goldenes leuchtete zwar, war aber untragbar. Er hob dieses und probierte jenes Kreuz. Keines wollte ihm passen.
Schließlich untersuchte er noch einmal alle Kreuze und fand eines, das ihm passend und von allen das erträglichste schien. Er nahm es und ging damit zu Gott. Da erkannte er, dass es genau sein Lebenskreuz war, das er bisher so unzufrieden abgelehnt hatte. –

Als er wieder erwacht war, nahm er dankbar seine Lebenslast auf sich und klagte nie mehr darüber, dass sein Kreuz zu schwer für ihn sei. „

Als die Band danach spielte, kam mir sofort die Erinnerung hoch. Nach Tobias Tod habe ich oft gedacht,warum muss ich das ertragen bzw. das kann ich nicht länger ertragen, das stehe ich nicht durch. Es gab auch immer wieder Punkte, da wollte ich auch einfach nicht mehr. Drei Jahre später als ich im Vorstand der Verwaisten Eltern saß und wir uns zum besseren kennen lernen, erzählten was uns verband, da dachte ich nur: Nein, ich möchte mit niemanden hier tauschen:

Die Mutter, deren vier Monate alter Säugling an einer Lungenentzündung starb, weil ihre Mutter, die Oma,  trotz Hinweises nicht ins Krankenhaus gefahren war. Hätte ich das jemals meiner Mutter verzeihen können? Hätte ich überhaupt je wieder mit ihr gesprochen? Aber genau das „Nicht-verzeihen-können“ hätte mich auf der anderen Seite selber aufgefressen.
Oder hätte ich mit meinen Schuldgefühlen weiterleben können, wenn mein vier jährigen Sohn an einem Badesee mit dem ich dort war, ertrunken wäre? Nein, ich glaube, das hätte ich nie geschafft.
Oder wie muss sich eine Mutter fühlen, deren fast erwachsener Sohn sich selber tötet? Als Mutter feststellen zu müssen, ihm nicht helfen, keine Geborgenheit geben zu können. Für mich fast das Grauenhafteste, was eine Mutter ertragen muss.

Keines der anderen Schicksale hätte ich ertragen können, mit niemanden hätte ich tauschen mögen…doch mit meinem hatte ich mich inzwischen arrangiert.

Diese Gedanken gingen mir wieder durch den Kopf und ich war froh, dass ich nur dieses Kreuz zu tragen hatte.

Ursprünglich geschrieben März 2008