Archive for the ‘Nachdenkliches’ Category

Gedenkstätte Bergen Belsen

Dienstag, August 11th, 2015

BergenBelsen (5)

Gestern waren wir mit unseren Jungs in Bergen-Belsen und haben dort die Gedenkstätte des KZ besucht. Vor 70 Jahren wurden die KZ befreit. Anfang des Jahres habe ich viele Dokumentationen und Interviews mit den letzten Zeitzeugen gesehen, die mich sehr bewegt haben. Dabei stellte ich fest, dass ich noch nie eine solche Gedenkstätte besucht habe. Als ich auf dem Weg nach Celle an Bergen-Belsen vorbeifuhr, dachte ich, hier möchte ich mal hin.

Dokumentationszentrum der GedenkstŠtte Bergen-Belsen

Dokumentationszentrum der GedenkstŠtte Bergen-Belsen

BergenBelsen (1)

BergenBelsen (2)

Unzählige dieser Massengräber befinden sich auf dem Gelände.

Unzählige dieser Massengräber befinden sich auf dem Gelände.

Alle Jungs wollten mit und waren sehr interessiert. Mit Ruben sind wir allerdings nicht in die Ausstellung gegangen, weil die Fotos und auch die Filme zu heftig waren und er das ganze sicher noch nicht hätte verstanden.
Leider ist vom Lager außer den vielen Massengräbern nichts erhalten. Es gibt nur Reste der ehemaligen Baracke 9 des Häftlingslagers. Jugendliche des CVJM haben auf die Steine Namen geschrieben. Es sind Namen von Juden aus Ungarn, die zum Austausch bestimmt waren, daher findet man Namen sowohl von Frauen als auch von Männern. Auf der einen Seite der Steine steht das Geburtsdatum und auf der anderen Seite evtl. das Sterbedatum. Die verseuchten Baracken wurden nach und nach bis Mitte Mai 1945 geräumt und verbrannt.
Die Massengräber beeindruckten mich sehr. Hier waren zigtausend Menschen im April 1945 bestattet worden.

Jugendliche des CVJM haben auf die Steine Namen geschrieben.

Jugendliche des CVJM haben auf die Steine Namen geschrieben.


In der Ausstellung gab es darüber einen Film der Britischen Armee. Diese Bilder haben meine großen Jungs und auch mich am meisten beeindruckt. Es wurde gezeigt, wie die völlig ausgemergelten Leichen erst von einzelnen zu den Gräbern geschleppt wurden. Als die Engländer merkten, dass dies so nicht zu bewältigenden ist, setzten sie Bulldozer ein, die die Leichenberge in die Gräber schob. Fürchterlich. Diese Bilder vergisst man nie.
Beeindruckend fand ich auch die Szene, wo die deutsche Bevölkerung in das Lager geführt wurde, um sich diesen Schrecken anzusehen, und dies tatsächlich die Briten beschimpften. Wie kann man bei einem solchen Anblick seinen Mund aufmachen?

Diese aus Fäden einer Pferdedecke gestrickte Handschuhe zogen mich in der Ausstellung an.

Diese aus Fäden einer Pferdedecke gestrickte Handschuhe zogen mich in der Ausstellung an.

In der Ausstellung kommen viele ehemalige Häftlinge zu Wort. Am meisten hat mich Yvonne Koch beeindruckt. Ich sah zwei gestrickte Kinderhandschuhe in einem Schaukasten und blieb stehen. Dort erzählte in einem Filme Yvonne Koch von ihrem Schicksaal. Als 10 Jährige wurde sie von der Tschechoslowakei als Jüdin nach Bergen Belsen deportiert, alleine ohne Eltern. Diese hatten sie in einem katholischen Mädchenkloster verstecken wollen, wo sie allerdings entdeckt wurde. Nur auf sich gestellt, lebte sie im Lager. Sie verstand nicht, warum sie da war und hoffte jeden Tag, dass ihre Eltern sie aus der Hölle befreien kommen. Nur von einer russischen Mitgefangenen erlebte sie etwas Mitgefühl. Sie gab ihr etwas zu essen und strickte aus Fäden einer Pferdedecke diese Handschuhe für sie. Für Yvonne waren sie ein Schatz, nicht nur weil die Handschuhe sie wärmten. Bei der Befreiung lag sie bereits fast verhungert mit Typhus auf einer Pritsche bereits im Koma und wurde von einem britischen Soldaten entdeckt und sofort ins Lazarett gebracht. Im Juni 1945 sah sie dann ihre Eltern in Prag wieder.

Yvonne Koch wurde als 10 Jährige ohne Eltern nach Bergen Belsen deportiert.

Yvonne Koch wurde als 10 Jährige ohne Eltern nach Bergen Belsen deportiert.

Die Ausstellung ist sehr beeindruckend und es gibt noch so viel zu lesen und hören, so dass es sich lohnt auch noch ein weiteres Mal sie zu besuchen.

„Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ (Psalm 73, 28)

Sonntag, Januar 12th, 2014

So lautet die Jahreslosung 2014. Sie hat mich sofort angesprochen, was nicht selbstverständlich ist. Die aus 2013 hatte ich schon vergessen und musste erst nachschauen. Gut erinnern kann ich mich an die aus 2006 “Ich lasse dich nicht fallen und verlasse Dich nicht”. Im Jahr 2006, ein für mich ganz wichtiges Jahr, in dem sich ein Teil meines Lebens komplett verändert hat, war es eine ganz besondere Aussage, die mir viel Mut gemacht hat, meinen Weg zu gehen. Als ich dann mit Ruben schwanger war, wusste ich sofort, das wird sein Taufspruch.

Losung2014
© Birgit Steinert

Sofort angesprochen hat mich auch die Losung für den Kirchentag in Hamburg “Soviel Du brauchst”. Der Schal hängt immer noch in meinem Zimmer. Ja, soviel ich brauche, dachte ich, genau, das möchte ich, nicht weniger, aber auch nicht mehr und Gott wird es mir geben, ich muss nur darauf vertrauen. Mit diesem Motto haben ich dann auch den Kirchentag erlebt, meinen ersten.

Die Jahreslosung 2014 hat mich sofort an meinen “Fast-Konfirmationsspruch” erinnert. Mein Pastor hatte für mich herausgesucht: “Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.” doch mit 15 konnte ich damit noch nichts anfange, aber auch ohne mein Konfispruch zu sein hat er mit immer wieder durch Leben begleitet.

Und nun zu Losung 2014 “Gott nahe zu sein ist mein Glück”. Genauso fühle ich es, was für ein Glück. Das weiß ich jetzt zu schätzen, wo ich ihm wieder nahe bin. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, ihn verloren zu haben. Für mich war 2013 kein schönes Jahr, zumindest die erste Hälfte. Alles in meinem Leben war gerade dabei zu zerbrechen, mein Leben rieselte wie Sand durch meine Hände, ich konnte es nicht auffangen. Ich war am Boden zerstört und fühlte mich so einsam. Selbst Gott war für mich nicht mehr da. Ich fand keinen Zugang zu ihm, so verschlossen hatte ich mich. Noch nicht einmal beten konnte ich. Das war unerträglich. Nicht einmal nach Tobias Tod hatte ich ihn verloren, sondern er war mir so nah wie nie zu vor. Anders hätte ich diese Zeit auch kaum überstanden.

Doch durch den Kirchentag und viele Gespräche mit meiner Freundin konnte ich mich wieder öffnen und so bin ich glücklich, ihm wieder nah zu sein.

Jenfeldmädchen

Samstag, März 24th, 2012

Als meine Freundin hörte, dass ich in Jenfeld aufgewachsen bin, schickte sie mir das Lied „Jenfeldmädchen“ von Jochen Diestelmeyer. Ein total schönes Lied, was sofort eine Menge Erinnerungen in mir hervorrief.

Mit sechs Jahren sind wir von der Rothenbaumchaussee in Harvestehude – einer der teuren und angesehenen Stadtteile von Hamburg nach Jenfeld in einem Reihenhaus gezogen. Jenfeld dagegen war schon damals der Stadtteil von Hamburg mit den meisten Sozialhilfeempfängern (so hießen sie damals. Als Kind wird einem dieser Unterschied so gar nicht bewusst. Für mich war es total schön, ein großes Haus mit einem eigenem Zimmer, Garten und vor allen Dingen viele Kinder und direkt neben dem Haus viel Natur zum Spielen. Neben unserem Haus floss ein kleiner Bach, in dem wir viel gespielt haben. Rückblickend hat mich Jenfeld sicher auch geprägt.

Das Video zeigt als erstes einen Ausschnitt aus Jenfeld und zwar genau den, wo ich aufgewachsen bin. Lustig. Vorne die Grundschule, in die ich von der 1 bis 4 gegangen bin. Der Unterricht bestand damals natürlich nur aus Frontalunterricht und ich erinnere mich, dass ich mich oft gelangweilt habe. Eines Tages musste ich ein Mädchen aus meiner Klasse ins Arztzimmer begleitet, nachdem sie mal wieder mit blauen Flecken in die Schule gekommen war. Ich habe das erst gar nicht richtig begriffen, erst viel später. Meine Klassenlehrerin hat offenbar in der Zwischenzeit das Jugendamt verständigt.

Im Video sieht man dann so Plattenbauten und mitten drin ein Hochhaus. Von diesem Hochhaus hat sich die Mutter einer anderen Mitschülerin aus dem Hochhaus gestürzt und Suizid begangen. Ich glaube die Mutter war alleinerziehend. Die Mitschülerin haben wir danach nie wieder gesehen.

Rechts oben sieht man die drei Reihen mit Häusern. Das ist die Reihenhaussiedlung in der ich aufgewachsen bin. Für Jenfeld schon fast behütet. Wenn in den Wintermonaten, als es schon dunkel war, die Kinder bei uns klingelten, hieß es immer: „Kommen Pirko und Sandra raus?“ Sandra war unsere Schäferhündin. Wenn Sandra nicht durfte, dann durften die Kinder abends auch nicht mehr raus.

Ganz rechts kann man so eine Fläche erkennen, das ist der Bauspielplatz auf dem wir viel gebaut haben. Das war damals in den 70er ein ganz neues Projekt für den „Brennpunktstadtteil Jenfeld“, aber so nannte man das damals natürlich noch nicht. Am Nachmittag waren dort Sozialpädagogen, die die Kinder betreuten. Wir sind nur am Anfang dort gewesen. Irgendwann war uns das zu gewalttätig.

Dann blendet das Video um und zeigt das Einkaufzentrum, das damals neu entstanden ist und bei dessen Einweihung ich Blockflöte gespielt habe. Lustig so was vergisst man wohl nicht. Dahinter sieht man einen kleinen Turm, das ist die Kirche, in der ich konfirmiert wurde und in der Kai und ich geheiratet haben.

Rückblickend war es eine schöne Kindheit, aber ich bin froh, dass meine Kinder dort jetzt nicht aufwachsen müssen.

Konflikte

Samstag, Oktober 30th, 2010

Es ist der 23. Dezember 2009, ich habe alles erledigt, was vor dem Fest noch zu erledigen war und eigentlich könnte ich mich jetzt entspannt zurücklehnen und die restliche Zeit genießen.

Die letzten Jahre habe ich das auch getan. Es genossen, mich endlich wieder auf Weihnachten freuen, es als eine wunderbares Geschenk annehmen zu können.

Und nun sitze ich hier und merke wie mich etwas immer mehr und mehr belastet. Als ich vor knapp drei Jahren beschlossen habe, als Kirchenvorsteherin in unsere Gemeinde zu arbeiten, da habe ich mich auf diese Arbeit gefreut. Ich kannte diese Gemeinde ja noch nicht so lange, aber alles was ich bisher gesehen war, empfand ich als ausgesprochen positiv, lebendig und ich habe mich gleich sehr wohlgefühlt. Natürlich war ich nicht so naiv zu glauben, hier ist alles vollkommen und gäbe keine Konflikte. Ich empfinde Konflikte auch nicht als etwas negatives, sondern meiner Meinung nach gehören sie – wie auch Krisen dazu – sich weiterzuentwickeln, neue Ding zu gestalten, eben etwas zu verändern. Wichtig ist mir nur, dass Konflikte offen, ehrlich und vor allen Dingen fair ausgetragen werden, insbesondere sie nicht an einen Menschen fest zu machen beziehungsweise sie zu personalisieren.
Auch hier war ich sicher nicht naiv und glaubte, im Kirchenvorstand gäbe es etwas anderes nicht, als einen fairer Umgang miteinander. Natürlich sind wir nicht die besseren Menschen, sondern eben Menschen. Auch die Menschen in der Bibel, die wir in vielen Dingen bewundern, hatten ihre Fehler und Schwächen. Weder der Prophet Elias, noch David können da ausgeschlossen werden. Aber irgendwie hatte ich doch gehofft, dass es bei uns im Kirchenvorstand wenigstens ein ganz klein bisschen anders ist. Doch dies habe ich leider nur gehofft.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es sehr unterschiedlich ist, wie wir mit Konflikten umgehen. Es gibt Menschen, die reagieren sehr schnell auf Konflikte, wollen sie „austragen“. Dazu gehöre sicherlich ich. Anderen nehmen Konflikte am liebsten gar nicht war, kehren sie möglichst untern den Teppich. Unsere jeweilige Reaktion hängt sicher auch davon ab, wie wir mit der Situation und die am Konflikt beteiligten Personen einschätzen und davon, welche Bedeutung ein Konflikt für uns hat und wie viel Kraft wir in die Lösung investieren wollen oder können.

Viele sind auch der Meinung, dass man sich in der Kirche doch nicht streitet! Richtig ist, dass in der Kirche das Zulassen von Konflikten und das Umgehen mit ihnen besonders schwierig zu sein scheint, so dass die Beteiligten sich bemühen, sie zuzudecken. Wenn sie sich nicht mehr zudecken lassen, werden sie oft personalisiert. Die Lösung von Konflikten besteht dann darin, dass jemand sein Amt niederlegt oder die Stelle wechselt – also die Konfliktsituation verlässt. Die, die zurückbleiben, erhoffen sich von dem personellen Wechsel, dass „wieder Frieden einkehrt“. Doch häufig zeigt sich, dass nach einer Weile die „alten Konflikte wieder hochkommen“ – obwohl doch die Person, die man mit dem Konflikt identifiziert hatte, längst nicht mehr da ist.

Ich fürchte, dass wir in unserer Gemeinde oder besser in unserem Kirchenvorstand genau an diesem Punkt stehen und das belastet mich sehr.

23.12.2009

Weltgedenktag für verstorbene Kinder am 14.12.2008

Mittwoch, November 26th, 2008

Candlelight
Jedes Jahr sterben allein in Deutschland 20.000 Kinder und junge Erwachsene, weltweit sind es um ein Vielfaches mehr. Und überall bleiben trauernde Eltern, Geschwister, Großeltern und Freunde zurück. Täglich wird in den einzelnen Familien dieser Kinder gedacht. Doch einmal im Jahr wollen weltweit Betroffene nicht nur ihrer eigenen Töchter, Söhne, Schwestern, Brüder, Enkel und Enkelinnen gedenken.

Jedes Jahr am 2. Sonntag im Advent stellen seit vielen Jahren Betroffene rund um die ganze Welt um 19.00 Uhr brennende Kerzen in die Fenster. Während die Kerzen in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, so dass eine Lichterwelle 24 Stunden die ganze Welt umringt.

Jedes Licht im Fenster steht für das Wissen, dass diese Kinder das Leben erhellt haben und dass sie nie vergessen werden. Das Licht steht auch für die Hoffnung, dass die Trauer das Leben der Angehörigen nicht für immer dunkel bleiben lässt. Das Licht schlägt Brücken von einem betroffenen Menschen zum anderen, von einer Familie zur anderen, von einem Haus zum anderen, von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum anderen. Es versichert Betroffene der Solidarität untereinander. Es wärmt ein wenig das kalt gewordenen Leben und wird sich ausbreiten, wie es ein erster Sonnenstrahl am Morgen tut.(Aus:Tätigkeitsbericht 2003 Bundesverband Verwaiste Eltern)

Als wir vor ein paar Monaten nach Buchholz gezogen sind, habe ich dennoch mir ein Herz gefaßt und beim Pastor angerufen, ob ich in seinem Gottesdienst am 11.12.05 auf den Weltgedenktag hinweisen dürfte. Er war erst etwas unsicher, sagte es mir aber zu. Da ich gleich beim Gemeindebrief mitmachte, war es auch nicht schwer dort einen entsprechenden Artikel zu plazieren. Die Pastorin, die dort mitmacht, meldete mir sehr postive Rückmeldungen auf meinen Artikel und erklärte auch gleich, sie übernehme den Gottsdienst am 11.12.05 worüber ich mich freute. Heute also saß ich mit ihr zusammem im Gottesdienst. Da es eine neue Gemeinde ist – in meiner alten hatte ich das schon zweimal gemacht – war ich aufgeregter als sonst. Als ich an der Reihe war, ging ich nach vorne und sprach folgenden Text:

„Haben Sie schon einmal beobachtet, welche Wirkung das Anzünden einer Kerze auf Sie hat? (Ich ging nach vorne zum Altar und zündete eine Kerze an) Es hat etwas ungemein beruhigendes, fast friedliches. Zur Zeit zündet jeder von uns tagtäglich eine oder auch mehrere Kerzen an. Kerzen des Adventskranzes, Kerzen der Weihnachtspyramide und am Heiligen Abend Kerzen des Weihnachtsbaumes.

Auch ich werde heute Abend wieder eine Kerze anzünden. Eine ganz besondere Kerze, die allerdings nichts mit der Adventszeit zu tun hat. Eine Kerze, die für meinen ersten Sohn Tobias brennen wird, der bei der Geburt starb. So wie viele verwaiste Eltern, denn heute ist der Weltgedenktag für verstorbene Kinder und Geschwister. Es ist sicher nicht zufällig, daß dieser Tag im Advent liegt, denn die Weihnachtszeit ist für uns verwaiste Eltern eine nicht ganz einfache Zeit: Das Fest der Familie, aber einer fehlt und wird immer fehlen. Daher ist dieser Weltgedenktag für uns so wichtig:

Jedes Jahr am 2. Sonntag im Dezember stellen Betroffene rund um die ganze Welt um 19.00 Uhr brennende Kerzen in die Fenster. Während die Kerzen in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, so daß eine Lichterwelle 24 Stunden die ganze Welt umringt. Diese Lichterwelle zeigt den Eltern, daß sie nicht alleine sind.

Sternkinderkerze

Zusammen mit meinen anderen Söhnen werde ich daher heute Abend um 19 Uhr diese Kerze für Tobias anzünden und ins Fenster stellen. Vielleicht gibt es auch in Ihrer Familie oder Bekanntenkreis ein verstorbenes Kind, für das sie heute Abend eine Kerze anzünden.

Als der Gottesdienst zu Ende war, hörte ich hinter mir auf der Bank eine ältere Dame sagen:“Ich habe drei Kinder verloren, aber von so einem Tag habe ich noch nie gehört:“ Die andere Dame drückte ihre Hände. Im Ausgang wurde ich von einer Frau aus dem Kirchenvorstand angesprochen. Sie hätte das sehr bewegt und würde gerne nächsten Samstag (dort sehen wir uns in der Kinderkirche) mit mir näher sprechen. Ich glaube, heute haben in Buchholz zumindest vier Kerzen mehr gebrannt als sonst. Und im Gedenkgottesdienst in Adendorf habe ich für die drei Kinder der älteren Dame auch drei Kerzen angezündet.

Dezember 2005

Manchmal ist einem gar nicht Bewusst, wie wichtig einen Dinge sind

Montag, August 25th, 2008

Manchmal ist einem gar nicht Bewusst, wie wichtig einen Dinge sind. So ging es mir die letzten Wochen.

Mir war schon klar, dass Tobias Geburstag mich in den Jahren immer stärker berührt, in denen er wieder auf einen Freitag fällt. Nicht so klar waren mir, wie wichtig mir in den letzten 11 Jharen bestimmte Rituale geworden waren.

Tobias hat ja am 22.August Geburstag, dass heißt oft in der Urlaubszeit oder kurz danach. Da er in Großhansdorf begraben ist, also fast 100 km von uns entfernt, fahren wir nicht so oft zum Grab. Aber wir fahren jedes Jahr auf dem Rückweg aus unserem Urlaub, den wir ja schon seit 2001 an der Ostsee verbringen, bei ihm vorbei. Im Urlaub habe ich dann immer etwas für das Grab gekauft, was ich ihm dann mitbringen, sowie einige Muscheln, und natürlich zünden wir immer einen Kerze an.
Paddingtenbär auf Tobias Grab
Dies Jahr leider nicht. Durch meinen Achillessehnenriss konnte ich nicht Auto fahren und da wir keinen 7-Sitzer mehr haben, musste ich mit der Bahnfahren. Erst als wir in Scharbeutz waren, wurde mir auf einmal klar, was das eigentlich bedeutet. Ich hatte noch nicht mal Lust, etwas dort für’s Grab zu kaufen. Ich hatte total unterschätzt, wie mir das fehlt und es ging mir nicht besonders damit.

Zu Hause angekommen, begann die „letzte“ Woche von Tobias in meinem Bauch und wie gesagt in diesem Jahr mal wieder mit den gleichen Wochentagen. Jeden Tag erinnerte ich mich an vor 11 Jahren: Seit Montag hatte ich auf einmal verstärkten Ausfluss, Mittwoch war der letzte schöne unbeschwerte Tag, Donnerstag hatte ich heftig Stress in der Kanzlei und ab Mittag fingen die Wehen an, die nicht mehr aufhörte und Freitag….

Er hat mich wieder eingeholt
der Freitag
immer wieder freitags

Ich habe eine Dauerkarte
für diesen Film
ich kenne diesen Film
jedes einzelne Bild

Ich hasse das Ende
aber ich sehe ihn jeden Freitag
den ganzen Tag
immer und immer wieder

vorher habe ich in jeden Tag gesehen
wann wird er abgesetzt?
21.11.1997

Die letzte Woche habe ich mit Kai den Film „die Queen“ gesehen. Ich wusste nicht, dass er von den Tagen nach dem Tod von Prinzessin Diana handelt, sonst hätte ich ihn mir gar nicht erst angesehen. Diana starb genau 8 Tage nach Tobias und wurde vier Tag vor ihm beerdigt. Nach Tobias Tod konnte ich es kaum ertragen Fern zu sehen, was ich kurze Zeit später für ca. ein Jahr dann auch gelassen habe. Alles was mit Dianas Tod zusammenhing habe ich sofort weggeschaltet. Ich fand es so unerträglich, dass alle immer wieder erklärten, wie schrecklich der Tod von Diana sei und wie traurig sie das mache, aber niemand trauerte um Tobias oder hatte Verständnis dafür, dass ich es tat. Dianas Beerdigung hat jeder gesehen. Über sie sprach jeder. Als ich einem Freund sagte, am Mittwoch sei die Beerdigung, erhielt ich zur Antwort:“Wer wird denn beerdigt?“!!! Und so war sie dann auch: Nur Kai und ich und unsere Mütter, die wie immer auch an diesem Tag, nicht ein Wort von Tobias sprachen, waren dabei. Klamm heimlich, als müssten wir uns dafür schämen….

Ich dachte in der letzten Woche immer, dass ich ja noch die Taufkerze für Ruben, der am Sonntag getauft wurde, basteln musste. Ich hatte sie schon viele Monate stehen, aber immer noch nicht fertig. Am Mittwochabend habe ich mich in meine Kanzlei verkrochen mit den Taufkerzen der anderen Jungs und mit meinen MP3-Player und mich an die Arbeit gemacht. Die von Gideon hatte ich damals auch selbst gemacht, die anderen beiden hatten Freunde gebastelt. Erst dachte ich, ich hätte nur einfach keine Lust, doch dann merkte ich, mir geht es schlecht dabei. Immer wieder der Gedanke, Tobias hat keine Taufkerze! Da er still geboren wurde, konnte er ja nicht mehr getauft werden. Und dann sah ich, die „Roh“-Kerze, die ich von meiner Gemeinde bekommen hatte, war in der Form und Größe wie die Geburtstagskerze von Tobias, die wir damals auf dem Trauerseminar gebastelt haben. Das war es wohl, was mich abhielt. Dann beschloss ich, die Taufkerze von Ruben genauso bunt zu machen, wie wir damals Tobias Kerze gestaltet hatten. Jeder Buchstabe in einer anderen Farbe, eine große gelbe Sonne und eine kleine Sternschnuppe, in Erinnerung an Tobias. Mir liefen fast durchgehend die Tränen, aber als sie endlich fertig war, war ich total stolz und freute mich darüber.

Rubens Taufkerze

Normalerweise hole ich Tobias Geburtstagskerze schon am Abend vorher raus und schmücke ein wenig den Tisch für seinen Geburstag. Dieses Jahr war ich abends total alle und irgendwie auch so leer. Kai machte am 22. August für uns Frühstück, die Großen waren schon in der Schule. Er hatte nicht an den Geburstag gedacht. Wir frühstückten ohne seine Kerze, ich glaube , das erste Mal. Ich weiß nicht warum, ich ließ es geschehen. Am Vormittag bekam ich Besuch, ein Ausschuss vom Kirchenvorstand tagte bei mir, und ich war abgelenkt. Dann aber ging es mir super schlecht. Ich holte die Kerze mit dem Teller heraus, setzte wie immer ein Teelicht herein und zündete sie an.

Tobias Geburstagskerze

So saß ich dann am Tisch, als mein Großer aus der Schule kam. Pascal sah die Kerze, lachte mich an und sagte:“Oh, Tobias hat heute Geburstag!“. Das tat gut, wenigstens einer, der seinen Namen aussprach…
Es war der erste Geburstag von Tobias, an dem niemand, außer mir daran gedacht hatte.

Seit Tobias ersten Geburstag, den wir damals mit vielen Freunden in unserem Garten gefeiert hatten (Für mich als Nachholung der fehlenden Trauerfeier) feiern wir jedes Jahr dieses Sommerfest. http://www.stillgeboren.de/Geschichte/Geburtstag/geburtstag.html
Manchmal aus besonderem Anlass, wie die Taufen unserer Jungs oder unseren Einzug in unser Haus. Dieses Jahr war das 10jährige Jubiläum. Da inzwischen nur noch wenige wissen, welchen Ursprung das Sommerfest hat, hatte ich mir vor zwei Jahren überlegt, am 10jährigen Jubiläum würde ich wie beim ersten mal unsere „Eisenbahn“ mit den Herzen der Sternenkinder aus unser Verwaiste Eltern Gruppe aufbauen und kurz etwas dazu schreiben.
null
Da ging ich aber noch davon aus, dass Ruben ja noch im ersten Lebensjahr, also 2007 getauft wird. Doch aufgrund einer Panne mussten wir die Taufe auf dieses Jahr verschieben. Ich habe kurz überlegt, ob ich es dennoch mache, aber dann entschied ich, dass dies Rubens Tag sei und er allein die Hauptperson und so ließ ich es sein. Aber auch das fiel mir sehr schwer.

Gestern ist Ruben getauft worden. Es war ein sehr schöner Taufgottesdienst. Ich habe dort den Text mit den Engeln gelesen, der unsere Kinder beschützen soll.

Möge ein Engel hinter euch stehen,
um euch den Rücken zu stärken,
damit ihr aufrecht
und wahrhaftig leben könnt,

Möge euch ein Engel begleiten,
zu euer Rechten und zu euer Linken,
damit ihr bewahrt bleibt
vor Angriffen derer,
die es nicht gut mit euch meinen.

Möge ein Engel unter euch stehen,
um euch zu tragen,
wenn ihr keinen festen Boden
mehr unter euch spürst.

Möge ein Engel in euch sein,
um eure Tränen zu trocknen
und euer Herz
mit dem Licht der Zuversicht zu erhellen.

Möge ein Engel über euch sein,
um euch zu behüten
vor den alltäglichen Gefahren,
damit kein Unheil euer Leben bedroht.

Mögen euch alle Engel des Himmels
mit ihrem Segen erfüllen und umhüllen
an allen Tagen eueres Lebens
und in jeglicher Nacht.

Ich fand dabei den Gedanken total schön, dass wir Sternenkindereltern ganz besondere „Engel“ für unsere Folgekinder haben und das hat mich ein wenig versöhnt. Am Abend vor der Taufe hat es bei uns aus Eimer gegossen und als wir zur Kirche gingen riss es auf und wir hatten bis zum Abend das schönste Wetter. Genauso wie ich mich am Mittwochabend beim Kerzenbasteln ausgeweint hatte, hatte sich auch der Himmel ausgeweint.

Zeit der Stille

Donnerstag, Juli 17th, 2008

Waren Sie schon einmal in unsere Kirche?

Nein, nicht im Gottesdienst, sondern einfach so mitten beim Einkaufen in der für  Sie geöffneten Kirche?

Ich mache das regelmäßig. Meistens freitags, wenn ich Einkaufen gehe. Neulich habe ich das nicht nur mit meinem jüngsten Sohn, der dies in der Karre oft verschläft, sondern auch mit meinem Sohn Pascal ( 6 ½) gemacht. Unsere Kinder gehen gerne in Kirchen, weil wir dies in fast jeder Stadt machen, die wir besuchen. Obwohl sie sehr lebhaft sind, werden sie dort immer ganz ruhig und haben inzwischen auch verstanden, dass man dort nicht durch kurze kleine Schreie die Akustik prüft.
Pascal ging sofort nach vorne, wo ein kleiner Tisch aufgebaut war, liebevoll geschmückt, mit einer Schüssel mit Sand,  in der eine Kerze brannte, daneben die Bibel und andere Bücher, die zum Lesen einluden und sagte: „Mama, ich möchte eine Kerze für Tobias anzünden, aber wo kommt denn das Geld für die Kerze rein?“. Aber schon hatte er den kleinen Kasten entdeckt und sofort zündete er an der brennenden Kerze seine Kerze für seinen Bruder Tobias an.

Pascal beim Anzünden einer Kerze

Auch wenn ich alleine bin, zünde ich eine Kerze für Tobias, unseren ersten Sohn, der bei der Geburt starb, an, bete und setze mich dann in die Bank. Dann genieße ich die Ruhe, diese wunderbare Stille und nehme mir einfach mal Zeit zum Nichtstun. Natürlich könnte ich das auch bei uns zu Hause bei einer Tasse Tee machen – wenn es tatsächlich mal ruhig wäre -, aber das ist nicht das Gleiche. Hier in der Kirche läutet kein Telefon, guckt mich keine Wäsche an, die in der Keller getragen werden will, kein Spielzeug unter dem Tisch lugt hervor, das aufgehoben werden will,…
Hier kann ich einfach nur sitzen und bekomme ein wunderbares Geschenk:

Zeit der Stille

Vielen Dank an die Ehrenamtlichen, die unsere Kirche für uns öffnen.

Ürsprünglich geschrieben 2006
veröffentlicht im Paulusbrief

Waldfriedhof, ein Ort der Besinnung und Erinnerung

Donnerstag, Juli 17th, 2008

Waldfriedhof in Buchholz

Vor Vor ein paar Wochen habe ich einen Spaziergang über den Waldfriedhof gemacht. Ein wunderschöner ruhiger Ort. Lange blieb ich vor den Kindergräber stehen. So viele liebevoll gestaltete und gepflegte Gräber.
Es ist schon verwunderlich: auf der einen Seite geht die Entwicklung immer mehr zu einer anonymen Bestattung. Keine Trauerfeier und kein Grab, das zu pflegen ist. Aber auf der anderen Seite kämpfen Eltern von still geborenen Babys, die das Mindestgewicht von 500 g nicht erreicht haben, um eine Bestattung und ein eigenes Grab, weil sie die anonyme Sammelbestattung, die oft von den Krankenhäusern vorgenommen wird, nicht möchten. Ihnen ist wichtig einen eigenen Platz für ihre Trauer zu haben, einen Ort, den sie auch gestalten dürfen.
Da ich trauernde Eltern, die ein Baby verloren haben, begleite, bin ich schon häufig mit Eltern zum Grab ihrer Kinder gegangen. Es ist immer eine sehr beeindruckende Begegnung. Die Eltern gehen ganz natürlich und selbstverständlich damit um. Sie freuen sich, daß sich jemand für ihr Kind interessiert, ihnen zuhört und sie stolz das Grab zeigen können.
Warum wollen so viele eine anonymen Bestattung? Warum scheuen so viele einen Besuch auf den Friedhof?
Vielleicht weil es nicht mehr üblich ist, mit der Familie auf den Friedhof zu gehen, um das Grab der Großeltern zu pflegen, Blumen dorthin zu bringen und eine Kerze anzuzünden? Diese Traditionen scheinen offenbar verloren gegangen zu sein und somit das Wissen, wie wichtig solche Orte der Erinnerung sein können.
Ich erinnere mich gerne daran, wie mein Vater mit uns zum Friedhof gefahren ist, um dort das Grab seiner Eltern und seines Bruders zu pflegen. Er erzählte uns dabei immer viele interessante Geschichten von ihnen. So erfuhren wir viel über unsere Großeltern und unseren Onkel, die wir nie kennen gelernt hatten. So lebten sie ein Stück weiter. Genau zu diesem Grab, wo inzwischen mein Vater und unser erster Sohn beerdigt ist, fahren auch wir regelmäßig mit unseren Jungs. Sie fahren gerne dorthin und wissen genau wo das Grab ist. Er wird erst einmal Unkraut gejätet, dann eine Blume gepflanzt und fast immer auch etwas gebasteltes dort aufgestellt. Auch ich erzähle ihnen inzwischen Geschichten, die ich selbst von meinem Vater gehört habe, Geschichten von ihrem Großvater und sie fragen auch ganz viel über ihren Bruder Tobias.
Vielleicht werden sie eines Tages diese Tradition mit ihren Kindern fortsetzen und ihnen auch die Geschichten ihrer Urgroßeltern erzählen.

 Ursprünglich geschrieben Juli 2006