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Finazamt: Eine Rechtsanwältin, die wegen eines Kindes nicht vollberufstätig ist, übe dies als reine Liebhaberei aus.

Mittwoch, März 28th, 2012

finanzamt.jpg Pixelio.de

Wenn ich darf, würde ich hier gern einmal Luft ablassen, weil ich mich über eine unverschämte Entscheidung des Finanzgerichts Münster geärgert habe, das doch tatsächlich meint, eine Rechtsanwältin, die wegen eines Kindes nicht vollberufstätig ist und daher mehrere Jahre hintereinander Verluste produziert hat, übe dies als reine Liebhaberei aus.
Der Entscheidung hatte folgenden Hintergrund: Eine Rechtsanwältin, die einen kleinen Sohn zu betreuen hatte, arbeitete in ihrer Kanzlei in ihrem Wohnhaus. Über rund zehn Jahre erzielte sie mit der Kanzlei Verluste, während ihr Mann hohe Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit und auch Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung erzielte. Das störte offenbar einen Finanzbeamten.
Das Finanzamt erkannte die von der Rechtsanwältin geltend gemachten Einkünfte (Verluste) aus selbständiger Arbeit nicht an. Dies begründete es damit, der Rechtsanwältin habe bei ihrer freiberuflichen Tätigkeit die Gewinnerzielungsabsicht gefehlt. Hierzu führt es aus: “Vielmehr entfällt auch bei einer Anwaltskanzlei ein für die Gewinnerzielungsabsicht sprechender Anscheinsbeweis bereits dann, wenn die ernsthafte Möglichkeit besteht, dass im konkreten Einzelfall nicht das Streben nach einem Totalgewinn, sondern persönliche Beweggründe des Steuerpflichtigen für die Fortführung des verlustbringenden Unternehmens bestimmend waren“, Finanzgericht Münster.

Super, ich hatte gar nicht gewusst, dass ich einige Jahre meine Arbeit aus reinem Spaß gemacht habe, weil ich offenbar anderen Zeitvertreib nicht hatte. Da hört man immer, wir möchten, dass auch Akademikerinnen Kinder bekommen und wenn sie dann versuchen, über die Zeit, in der sie keine ausreichende Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt bekommen, wenigstens im Beruf aktiv bleiben wollen, da werden ihnen Knüppel zwischen die Beine geworfen…

Wenn man sich in meinem Beruf für Kinder entscheidet, bleibt einem oft nichts anderes übrig, als sich selbstständig zu machen. Krippen- sowie Ganztagskindergartenplätze mit entsprechenden Öffnungszeiten sind so gut wie nicht verfügbar. Eine Halbtagsanstellung ist in diesem Bereich nicht erwünscht und wird einem nicht ermöglicht, musste ich selbst erfahren und stehe damit nicht allein.
Da man unter diesen Voraussetzungen auch nicht als Selbständige voll arbeiten kann und natürlich sich erst einmal Mandate noch aufbauen muss, ist es selbstverständlich, Verlust zu produziert, selbst wenn man nur das äußerste investiert: Berufshaftpflicht, Kammerbeitrag, eine juristische Zeitschrift, ein bis zwei aktuelle Kommentare, PC, Drucker und Büro im eigenem Haus. Um mehr ging es in dem entschiedenen Fall auch nicht. Das Ziel ist natürlich, weil man als Akademikerin oder Fachkraft es sich nicht erlauben kann, länger aus dem Beruf zu gehen, im Beruf zu bleiben und sich etwas aufzubauen, wenn man wieder voll einsatzfähig ist. Die andere Alternative ist natürlich, das aufzugeben und sich, wenn die Kinder aus dem Haus sind arbeitslos zu melden. Dann muss einem das Jobcenter teure Aufbauschulungen oder Umschulungen bezahlen, sofern sie das machen, oder man geht in einen ungelernten Beruf. Beides erscheint mir wenig erstrebenswert.

Jenfeldmädchen

Samstag, März 24th, 2012

Als meine Freundin hörte, dass ich in Jenfeld aufgewachsen bin, schickte sie mir das Lied „Jenfeldmädchen“ von Jochen Diestelmeyer. Ein total schönes Lied, was sofort eine Menge Erinnerungen in mir hervorrief.

Mit sechs Jahren sind wir von der Rothenbaumchaussee in Harvestehude – einer der teuren und angesehenen Stadtteile von Hamburg nach Jenfeld in einem Reihenhaus gezogen. Jenfeld dagegen war schon damals der Stadtteil von Hamburg mit den meisten Sozialhilfeempfängern (so hießen sie damals. Als Kind wird einem dieser Unterschied so gar nicht bewusst. Für mich war es total schön, ein großes Haus mit einem eigenem Zimmer, Garten und vor allen Dingen viele Kinder und direkt neben dem Haus viel Natur zum Spielen. Neben unserem Haus floss ein kleiner Bach, in dem wir viel gespielt haben. Rückblickend hat mich Jenfeld sicher auch geprägt.

Das Video zeigt als erstes einen Ausschnitt aus Jenfeld und zwar genau den, wo ich aufgewachsen bin. Lustig. Vorne die Grundschule, in die ich von der 1 bis 4 gegangen bin. Der Unterricht bestand damals natürlich nur aus Frontalunterricht und ich erinnere mich, dass ich mich oft gelangweilt habe. Eines Tages musste ich ein Mädchen aus meiner Klasse ins Arztzimmer begleitet, nachdem sie mal wieder mit blauen Flecken in die Schule gekommen war. Ich habe das erst gar nicht richtig begriffen, erst viel später. Meine Klassenlehrerin hat offenbar in der Zwischenzeit das Jugendamt verständigt.

Im Video sieht man dann so Plattenbauten und mitten drin ein Hochhaus. Von diesem Hochhaus hat sich die Mutter einer anderen Mitschülerin aus dem Hochhaus gestürzt und Suizid begangen. Ich glaube die Mutter war alleinerziehend. Die Mitschülerin haben wir danach nie wieder gesehen.

Rechts oben sieht man die drei Reihen mit Häusern. Das ist die Reihenhaussiedlung in der ich aufgewachsen bin. Für Jenfeld schon fast behütet. Wenn in den Wintermonaten, als es schon dunkel war, die Kinder bei uns klingelten, hieß es immer: „Kommen Pirko und Sandra raus?“ Sandra war unsere Schäferhündin. Wenn Sandra nicht durfte, dann durften die Kinder abends auch nicht mehr raus.

Ganz rechts kann man so eine Fläche erkennen, das ist der Bauspielplatz auf dem wir viel gebaut haben. Das war damals in den 70er ein ganz neues Projekt für den „Brennpunktstadtteil Jenfeld“, aber so nannte man das damals natürlich noch nicht. Am Nachmittag waren dort Sozialpädagogen, die die Kinder betreuten. Wir sind nur am Anfang dort gewesen. Irgendwann war uns das zu gewalttätig.

Dann blendet das Video um und zeigt das Einkaufzentrum, das damals neu entstanden ist und bei dessen Einweihung ich Blockflöte gespielt habe. Lustig so was vergisst man wohl nicht. Dahinter sieht man einen kleinen Turm, das ist die Kirche, in der ich konfirmiert wurde und in der Kai und ich geheiratet haben.

Rückblickend war es eine schöne Kindheit, aber ich bin froh, dass meine Kinder dort jetzt nicht aufwachsen müssen.