Heute ist unser Kennenlerntag und ich glaube, ich verbringe ihn das erste Mal seit 23 Jahren allein, weil Kai in Indien auf Dienstreise ist.
Eigentlich ist es ja auch gar nicht heute der Tag, an dem wir uns kennen gelernt haben. Zwei Tage zuvor haben wir uns das erste Mal gesehen. Ich wollte an dem Abend mit einem Klassenkamerad auf den Hamburger Dom gehen. Wir waren bereist verabredet, doch dann meinte er, er hätte ganz den Arbeitskreis Kommunalpolitik vergessen. Aber ich könnte ja mitkommen. Zuerst dachte ich, ich spinne, was soll ich denn da? Aber Jürgen grinste nur und erklärte, das sei immer super lustig, ich soll mal mitkommen, was ich dann auch tat. Wenn ich mich richtig erinnere wurde an dem Abend über Kommunalpolitik nicht gesprochen. Wir gingen in die Wohnung des damaligen Kreisvorsitzenden der JU und dort wurde gemeiert, so hieß das doch (grübel)? Ein Art Würfelspiel. Kai, der tatsächlich Gin mit Tonic trank – es roch nach Spülwasser- riskierte ab und an ein Blick zu mir. Ich guckte mir seine Wohnzimmer an, ein großer Schreibtisch, eine Couch, Sessel Tisch und viele, viele Borde mit Büchern. Es war merkwürdig, ein Gedanken durchzuckte mich völlig unvermittelt. Hier wirst du viel Zeit verbringen und dich wohlfühlen.
Da Jürgen zwei Tage später Geburstag hatte und ich immer noch kein Geschenkt für ihn wusste, fragte ich Kai, ob er mir da nicht helfen könne. Klar, das sei überhaupt kein Problem, er wüsste was. Kai holte einen Zettel und schrieb etwas darauf. Guckte immer wieder zu mir hoch und schrieb und schrieb. Ich dachte, was schreibt der denn nur, dass muss doch mehr sein, als ein Tipp für ein Geschenk. Dann nahm er den Zettel, zerknüllte ihn und fing wieder von vorne an. Dann faltet er ihn und gab ihn mir. Ich nahm ihn so und steckte ihn ein.
Zu Hause holte ich ganz neugierig den Zettel heraus, faltete ihn gspannt wie ein Flitzebogen auseinander und las: The dark site of the moon, von Pink Floyd. Mehr nicht. Klasse!, dachte ich. Nahm den Zettel zerknüllte ihn und warf ihn in die Ecke. So ein Idiot!
Am Geburtstag von Jürgen, also heute, sahen wir uns dann wieder. Als ich kam, spielte Kai am Comodore C 64 Tennis. Ich stellte mich dahinter. Kai schaute kurz hoch, sah mich und ich bekam ein Lächeln. Dann spielte er weiter gegen seinen Bruder. Ein paar Minuten wartete ich, dann war mir das zu blöd und ich ging in die Küche. Was man von Männer ja nicht immer erwarten kann, aber er hatte mein Gehen bemerkt und sofort aufgehört zu spielen, um mir zu folgen. Da hatte er aber noch gerade mal die Kurve gekriegt. Etwas später am Abend haben wir uns das erste Mal geküsst.
Später hat Kai mir gebeichtet, dass er tatsächlich auf den ersten Zettel geschrieben habe, er möchte mich gerne wiedersehen. Dann sei er jedoch zu feige gewesen und habe den Zettel lieber zerknüllt.
Ich glaube, es war keine drei Wochen später, da standen wir auf dem Ballindamm an der Binnenalster, es war ein wunderbare laue Sommernacht, und Kai hat mich das erste Mal gefragt, ob ich ihn heiraten möchte. Ich war total verwirrt und wich natürlich erst mal seiner Frage aus. Er erklärte, er sei sich bei mir so sicher und möchte mich unbedingt heiraten. Ich, gerade mal 18, noch nicht mal Abitur und kenne diesen Mann erst ein paar Wochen. Nein, das ginge gar nicht. Ein halbes Jahr später haben wir uns zum Entsetzen aller, verlobt. Sechs Jahre später haben wir geheiratet.
Früher haben wir unseren Kennenlerntag immer richtig gefeiert. Die ersten Jahre habe ich für uns etwas schönes gekocht, etwas ganz besonderes. Essen zu gehen, das konnten wir uns nicht leisten. Später sind wir dann natürlich auch Essen gegangen. Das letzte Mal war 1997. Ich war mit Tobias schwanger in der 19. Woche und an dem Tag war die letzte große Ultraschalluntersuchung. Ich war so glücklich und genoss den Tag. Wir waren in Neustadt an der Ostsee. Es war ein total schöner Tag.
Die nächsten zwei Jahre war uns dann auch nicht zum Feiern zu mute und schon gar diesen Tag. Irgendwann haben wir auch das wieder gekonnt, wenn auch ganz zaghaft. Bei einer schönen Flasche Wein saßen wir zusammen. Wenn ich mir jetzt etwas wünschen dürfte, so würde ich mir wünschen, den nächsten Kennenlerntag in Hamburg zu verbringen. Nachmittags bummeln zu gehen, am Alsterfleet etwas Essen, danach einen Dammertörn mit einem Alsterschiff, um dann am Ballindamm Dir zu sagen, dass ich dumme Nuss auch damals gleich hätte ja sagen können.
Ach, natürlich bin ich heute nicht alleine. Nein, denn unsere vier kleinen Männer schlafen oben, hoffentlich!
