Versetzung gefährdet
Versetzung gefährdet ist das Thema des Gottesdienstes Zwischenhalt denn Ferien- und Zeugniszeit stehen vor der Tür. Kennen wir das nicht fast alle selbst oder von unseren Kindern, ob groß, ob klein die Erwartung von weniger guten Zensuren und den damit verbundenen Sorgen?
Mutig stellt sich Ann-Kathrin Kahle eine Elft-Klässlerin, die eine Klasse wiederholt hat, den Fragen von Pastor Michael Wabbel. Beeindruckend offen erzählt sie, wie es ihr als Wiederholerin ergangen ist und zeigt, dass auch so was kein Weltzusammenbruch ist, sondern eine neue Chance eröffnet, die sie offenbar wahrgenommen hat.
Der zweiter Interviewpartner erzählt, ebenso mutig, er sei drei mal von der Schule geflogen, aber seine Eltern haben gleichwohl zu ihm gehalten und auf ihn vertraut, so dass er letztendlich doch noch eine glänzende Karriere machen konnte.
Bewusst wurde uns Zuhörern, wie wichtig es für Betroffene ist, bei allem Zeugnis-Missmut doch Verständnis zu spüren, sich geborgen zu fühlen, um mit neuem Mut wieder eine Schul- oder Lebens-Runde weiterzukommen.
Wie immer spielt die Zwischenhaltband Lieder deren Musik und Texte unter die haut gehen. Besonders berührt hat mich das Lied Zeugnistag , in welchen Reinhard May erzählt, wie seine Eltern trotz seiner Unterschriftsfälschung ihn nicht allein ließen.
Ich denke, ich muß so zwölf Jahre alt gewesen sein, und wieder einmal war es Zeugnistag. Nur diesmal, dacht‘ ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein, als meines weiß und häßlich vor mir lag. Dabei war’n meine Hoffnungen keineswegs hochgeschraubt, ich war ein fauler Hund und obendrein höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt, so ein totaler Versager zu sein.
So, jetzt ist es passiert, dacht‘ ich mir. jetzt ist alles aus, nicht einmal eine 4 in Religion. Oh Mann, mal diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus, sondern allenfalls zur Fremdenlegion. Ich zeigt‘ es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie, schön bunt, säh nicht schlecht aus, ohne zu prahl’n! Ich war vielleicht ’ne Niete in Deutsch und Biologie, dafür konnt‘ ich schon immer ganz gut mal’n!
Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus, die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt. Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus, so stand ich da, allein, stumm und geknickt. Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück, voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat’ne Stuck, diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.
Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Auch meine Mutter sagte. ja, das sei ihr Namenszug, gekritzelt zwar, doch müsse man versteh’n, daß sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug, dann sagte sie: „Komm, Junge, laß‘ uns geh’n.“
Ich hab‘ noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor’n und lernte widerspruchslos vor mich hin Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn, daß ich dabei nicht ganz verblödet bin! Nur eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt, die eine nur aus dem Haufen Ballast: Wie gut es tut, zu wissen. daß dir jemand Zuflucht gibt. Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!
Ich weiß nicht, ob es rechtens war, daß meine Eltern mich da rausholten, und wo bleibt die Moral? Die Schlauen diskutieren. die Besserwisser streiten sich, ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt, und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind, wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt, Eltern, die aus diesem Holze sind, Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind!
Pastor Wabbel erzählt uns dazu passend in zeitgemäßem Wortlaut das Gleichnis vom verloren gegangenen Sohn.
Wir nehmen etwas aus diesem besonderen Gottesdienst mit eine kleine Mischung aus Mut, Verständnis und Wärme für andere und auch für uns.
Ursprünglich geschrieben August 2006
veröffentlicht im Paulusbrief