Zeit der Stille

Juli 17th, 2008

Waren Sie schon einmal in unsere Kirche?

Nein, nicht im Gottesdienst, sondern einfach so mitten beim Einkaufen in der für  Sie geöffneten Kirche?

Ich mache das regelmäßig. Meistens freitags, wenn ich Einkaufen gehe. Neulich habe ich das nicht nur mit meinem jüngsten Sohn, der dies in der Karre oft verschläft, sondern auch mit meinem Sohn Pascal ( 6 ½) gemacht. Unsere Kinder gehen gerne in Kirchen, weil wir dies in fast jeder Stadt machen, die wir besuchen. Obwohl sie sehr lebhaft sind, werden sie dort immer ganz ruhig und haben inzwischen auch verstanden, dass man dort nicht durch kurze kleine Schreie die Akustik prüft.
Pascal ging sofort nach vorne, wo ein kleiner Tisch aufgebaut war, liebevoll geschmückt, mit einer Schüssel mit Sand,  in der eine Kerze brannte, daneben die Bibel und andere Bücher, die zum Lesen einluden und sagte: „Mama, ich möchte eine Kerze für Tobias anzünden, aber wo kommt denn das Geld für die Kerze rein?“. Aber schon hatte er den kleinen Kasten entdeckt und sofort zündete er an der brennenden Kerze seine Kerze für seinen Bruder Tobias an.

Pascal beim Anzünden einer Kerze

Auch wenn ich alleine bin, zünde ich eine Kerze für Tobias, unseren ersten Sohn, der bei der Geburt starb, an, bete und setze mich dann in die Bank. Dann genieße ich die Ruhe, diese wunderbare Stille und nehme mir einfach mal Zeit zum Nichtstun. Natürlich könnte ich das auch bei uns zu Hause bei einer Tasse Tee machen – wenn es tatsächlich mal ruhig wäre -, aber das ist nicht das Gleiche. Hier in der Kirche läutet kein Telefon, guckt mich keine Wäsche an, die in der Keller getragen werden will, kein Spielzeug unter dem Tisch lugt hervor, das aufgehoben werden will,…
Hier kann ich einfach nur sitzen und bekomme ein wunderbares Geschenk:

Zeit der Stille

Vielen Dank an die Ehrenamtlichen, die unsere Kirche für uns öffnen.

Ürsprünglich geschrieben 2006
veröffentlicht im Paulusbrief

Waldfriedhof, ein Ort der Besinnung und Erinnerung

Juli 17th, 2008

Waldfriedhof in Buchholz

Vor Vor ein paar Wochen habe ich einen Spaziergang über den Waldfriedhof gemacht. Ein wunderschöner ruhiger Ort. Lange blieb ich vor den Kindergräber stehen. So viele liebevoll gestaltete und gepflegte Gräber.
Es ist schon verwunderlich: auf der einen Seite geht die Entwicklung immer mehr zu einer anonymen Bestattung. Keine Trauerfeier und kein Grab, das zu pflegen ist. Aber auf der anderen Seite kämpfen Eltern von still geborenen Babys, die das Mindestgewicht von 500 g nicht erreicht haben, um eine Bestattung und ein eigenes Grab, weil sie die anonyme Sammelbestattung, die oft von den Krankenhäusern vorgenommen wird, nicht möchten. Ihnen ist wichtig einen eigenen Platz für ihre Trauer zu haben, einen Ort, den sie auch gestalten dürfen.
Da ich trauernde Eltern, die ein Baby verloren haben, begleite, bin ich schon häufig mit Eltern zum Grab ihrer Kinder gegangen. Es ist immer eine sehr beeindruckende Begegnung. Die Eltern gehen ganz natürlich und selbstverständlich damit um. Sie freuen sich, daß sich jemand für ihr Kind interessiert, ihnen zuhört und sie stolz das Grab zeigen können.
Warum wollen so viele eine anonymen Bestattung? Warum scheuen so viele einen Besuch auf den Friedhof?
Vielleicht weil es nicht mehr üblich ist, mit der Familie auf den Friedhof zu gehen, um das Grab der Großeltern zu pflegen, Blumen dorthin zu bringen und eine Kerze anzuzünden? Diese Traditionen scheinen offenbar verloren gegangen zu sein und somit das Wissen, wie wichtig solche Orte der Erinnerung sein können.
Ich erinnere mich gerne daran, wie mein Vater mit uns zum Friedhof gefahren ist, um dort das Grab seiner Eltern und seines Bruders zu pflegen. Er erzählte uns dabei immer viele interessante Geschichten von ihnen. So erfuhren wir viel über unsere Großeltern und unseren Onkel, die wir nie kennen gelernt hatten. So lebten sie ein Stück weiter. Genau zu diesem Grab, wo inzwischen mein Vater und unser erster Sohn beerdigt ist, fahren auch wir regelmäßig mit unseren Jungs. Sie fahren gerne dorthin und wissen genau wo das Grab ist. Er wird erst einmal Unkraut gejätet, dann eine Blume gepflanzt und fast immer auch etwas gebasteltes dort aufgestellt. Auch ich erzähle ihnen inzwischen Geschichten, die ich selbst von meinem Vater gehört habe, Geschichten von ihrem Großvater und sie fragen auch ganz viel über ihren Bruder Tobias.
Vielleicht werden sie eines Tages diese Tradition mit ihren Kindern fortsetzen und ihnen auch die Geschichten ihrer Urgroßeltern erzählen.

 Ursprünglich geschrieben Juli 2006

Mosaik

Juli 15th, 2008

Steine rieseln durch meine Hand
viele kleine Stein
leuchtend bunte
dunkle unscheinbare
unendlich viele
Sie spiegeln wieder
jede Begegnung
jedes Gefühl
jede Stimmung
jede Verletzung
aber auch jede Umarmung
wir sammeln sie wie kostbare Schätze
in unseren Herzen
aus ihnen bauen wir ein Mosaik
Bilder Motive
geboren aus Erinnerungen unserer Kindheit
verfremdet durch die Wirklichkeit
fangen ein unsere Träume und Wünsche
spiegeln unser Leben wieder
in jeder Facette
bis zum letzten Tag unseres Lebens
puzzeln wir wie besessen
bis jeder Stein
so kostbar
verbraucht
jeder Stein der zu uns gehört
bis es vollendet ist
und wir ins Licht gehen
                                                                       17.02.2006

Ganz klein und unscheinbar
und doch so wichtig
voller Energie Kraft und Liebe
er lag ganz offen
und doch so versteckt
viele Jahre tief in meinen Herzen
verschlossen verborgen und verheimlicht
vor allen anderen
und vor mir selbst
genau dieser Mosaikstein
hat mir noch gefehlt
und nun passen die anderen
vieles puzzel ich neu
und es entsteht ein Bild
endlich stimmig
mit mir
meinen Gefühlen
Wünschen und Begehren
endlich angekommen
auf einem Weg
von dem ich nicht wusste
dass ich ihn gibt
von dem ich nicht wusste
dass ich ihn gehe
dabei ist er so wunderschön
dass ich ihn nie mehr missen möchte
ich bin angekommen
in meinem Herzen
ganz tief
und genieße es
                                                                         26.10.2007

Sommer und Winter

Juli 15th, 2008

Sommertraum

Ein Sommer voller Träume

Ein Sommer voller Träume
Kindheitserinnerungen spiegeln sich
ich hatte fast vergessen
wie ein Weizenfeld riecht
wie warmer Regen auf Asphalt
verdampft
ein Millionenheer von Zirpen
Glück, einfach nur Glück
und es ist kein Traum
                                                                             Sommer 2005

Rodeln

Wieder Kind
Der Schnee knirscht
und ab geht die Post
Hülfe Hülfe
Achtung Achtung
eiskalt bläst es in mein Gesicht
ein kleiner Hüpfer
beinahe eine Landung im Schnee
doch wir kommen zum Stehen
rote Wangen lachen mir ins Gesicht
nochmal nochmal
und ich weiß auf einen Mal
wie so ein kleiner Kerl
mich wieder zum Kind werden läßt
                                                                                                  15.03.2006

 

Versetzung gefährdet

Juli 14th, 2008

 Versetzung gefährdet

Versetzung gefährdet ist das Thema des Gottesdienstes Zwischenhalt – denn Ferien- und Zeugniszeit stehen vor der Tür.  Kennen wir das nicht fast alle selbst oder von unseren Kindern, ob groß, ob klein  – die Erwartung von weniger guten Zensuren und den damit verbundenen Sorgen?

Mutig stellt sich Ann-Kathrin Kahle – eine „Elft-Klässlerin“, die eine Klasse wiederholt hat, den Fragen von Pastor Michael Wabbel. Beeindruckend offen erzählt sie, wie es ihr als Wiederholerin ergangen ist und zeigt, dass auch so was kein Weltzusammenbruch ist, sondern eine neue Chance eröffnet, die sie offenbar wahrgenommen hat.

Der zweiter Interviewpartner erzählt, ebenso mutig, er sei drei mal von der Schule geflogen, aber seine Eltern haben gleichwohl zu ihm gehalten und auf ihn vertraut, so dass er letztendlich doch noch eine glänzende Karriere machen konnte.

Bewusst wurde uns Zuhörern, wie wichtig es für Betroffene ist, bei allem Zeugnis-Missmut doch Verständnis zu spüren, sich geborgen zu fühlen, um mit neuem Mut wieder eine Schul- oder Lebens-Runde weiterzukommen.

Wie immer spielt die Zwischenhaltband Lieder deren Musik und Texte unter die haut gehen. Besonders berührt hat mich das Lied Zeugnistag , in welchen Reinhard May erzählt, wie seine Eltern trotz seiner Unterschriftsfälschung ihn nicht allein ließen.

Ich denke, ich muß so zwölf Jahre alt gewesen sein, und wieder einmal war es Zeugnistag. Nur diesmal, dacht‘ ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein, als meines weiß und häßlich vor mir lag. Dabei war’n meine Hoffnungen keineswegs hochgeschraubt, ich war ein fauler Hund und obendrein höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt, so ein totaler Versager zu sein.

So, jetzt ist es passiert, dacht‘ ich mir. jetzt ist alles aus, nicht einmal eine 4 in Religion. Oh Mann, mal diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus, sondern allenfalls zur Fremdenlegion. Ich zeigt‘ es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie, schön bunt, säh nicht schlecht aus, ohne zu prahl’n! Ich war vielleicht ’ne Niete in Deutsch und Biologie, dafür konnt‘ ich schon immer ganz gut mal’n!

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus, die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt. Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus, so stand ich da, allein, stumm und geknickt. Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück, voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat’ne Stuck, diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.

Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Auch meine Mutter sagte. ja, das sei ihr Namenszug, gekritzelt zwar, doch müsse man versteh’n, daß sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug, dann sagte sie: „Komm, Junge, laß‘ uns geh’n.“

Ich hab‘ noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor’n und lernte widerspruchslos vor mich hin Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn, daß ich dabei nicht ganz verblödet bin! Nur eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt, die eine nur aus dem Haufen Ballast: Wie gut es tut, zu wissen. daß dir jemand Zuflucht gibt. Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!

Ich weiß nicht, ob es rechtens war, daß meine Eltern mich da rausholten, und wo bleibt die Moral? Die Schlauen diskutieren. die Besserwisser streiten sich, ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt, und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind, wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt, Eltern, die aus diesem Holze sind, Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind!

Pastor Wabbel erzählt uns dazu passend in zeitgemäßem Wortlaut das Gleichnis vom verloren gegangenen Sohn.

Wir nehmen etwas aus diesem besonderen Gottesdienst mit – eine kleine Mischung aus Mut, Verständnis und Wärme für andere und auch für uns.

Ursprünglich geschrieben August 2006
veröffentlicht im  Paulusbrief

Sternstunden

Juli 14th, 2008

Meine persönliche Sternstunde

Heute Abend war ich mal wieder zu einem der besonderen Abendgottesdienste in unserer Gemeinde – ich hatte glaube ich schon mal hier davon berichtet. Es spielt dort immer eine Band, es gibt Interviews und eine besondere Aktion. Eigentlich hatte ich ja gar keine Zeit…Elias wird morgen 4 Jahre alt: Geschenke muss ich noch einpacken, zwei Kuchen für den Kiga backen, eine Torte für morgen zum Kindergeburtstag, den Geburtstagskerzenzug aufbauen und die Spiele für morgen noch raussuchen…Kai erinnert mich: „ Du wolltest noch zur Kirche, oder?“. Ja, genau, da wollte ich hin, auch wenn ich wenig Zeit habe, aber das brauche ich heute Abend. Dieses Mal stecke ich nicht zurück. Ziehe mich an, setze mich auf mein Fahrrad und fahre zur Kirche…

Das Thema der Predigt war „Sternstunden“. Der Pastor fragte:“Haben auch sie eine persönliche Sternstunde in ihrem Leben gehabt, einen Augenblick in dem sie ganz eins mit sich selbst waren?“. Er erzählte weiter und meine Gedanke schweiften ab. In mir kamen sofort die Bilder nach der stillen Geburt von Tobias hoch. Ja, da war ich total eins mit mir. Ich hatte ihn im Arm und bewunderte ihn. So einen hübschen, perfekten kleinen Jungen. Das ist mein Sohn, so was wunderbares. Ich traute ihn kaum anzufassen, so berührt war ich. Der war die ganze Zeit in meinen Bauch, hat mich getreten und seine Turnübungen gemacht. Ich hatte mich auf der Stelle in ihn verliebt. Ich weiß heute nicht mehr wie lange ich ihn im Arm gehabt hatte, ich hatte alles um mich herum vergessen nichts wahrgenommen. Ja, Kai muss neben mir gesessen haben, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr. Ich erinnre mich nur an Tobias und mich. „Einen Augenblick, in dem ihr Herz ganz zärtlich berührt wurde…“ höre ich wieder den Pastor. Ja, genau, Tobias hat ganz zärtlich mein Herz berührt, genauso war es…Ich schweife wieder ab, bis ich ihn zum Schluss höre:“Für die letzte Adventswoche wünsche ich ihnen eine solche Sternstunde..“. Nein, ich schüttel heftig den Kopf, nein, noch so eine Sternstunde möchte ich nicht, darauf würde ich lieber verzichten. Ich bin wieder ganz da und denke nur, hoffentlich hat mich niemand beobachtet…und lächle.
Am Ausgang schüttel ich seine Hand und sage mit einem breitem Lachen:“Tschüss Michael, eine schöne dritte Adventswoche wünsche ich Dir..:“ und fahre ganz beschwingt nach Hause.

Bis auf die Torte, die noch im Ofen ist, habe ich alles geschafft…

Ursprünglich geschrieben am 16.12.2006

DurchKREUZTEWege

Juli 14th, 2008

Am Sonntag war ich mal wieder in einer unsere Abendgottesdienste. Von einigen habe ich schon einmal berichtet. Sie sind immer etwas ganz besonderes. Er steht immer unter einem Thema,dieses Mal „gekreuzte Wege“. Es spielt eine Band, es werden Interviews geführt, man muss etwas machen und es gibt neben der Predigt auch immer eine Geschichte zum Nachdenken. Dieser Gottesdienst löst ganz oft, viele Gedanken in mir aus und deshalb möchte ich Euch heute davon erzählen:

Es wurde die folgende Geschichte erzählt:

„Meine Last ist zu schwer
 Ein Mann war mit seinem Los unzufrieden und fand seine Lebenslast zu schwer.

 Er ging zu Gott und beklagte sich darüber, dass sein Kreuz nicht zu bewältigen sei

Gott schenkte ihm einen Traum:

Der Mann kam in einen Raum, wo verschiedene Kreuze herumlagen. Eine Stimme befahl ihm, er möchte sich das Kreuz aussuchen, das seiner Meinung nach für ihn passend und erträglich wäre.
Der Mann ging suchend und prüfend umher. Er versuchte ein Kreuz nach dem anderen. Einige waren zu schwer, andere zu kantig und unbequem, ein goldenes leuchtete zwar, war aber untragbar. Er hob dieses und probierte jenes Kreuz. Keines wollte ihm passen.
Schließlich untersuchte er noch einmal alle Kreuze und fand eines, das ihm passend und von allen das erträglichste schien. Er nahm es und ging damit zu Gott. Da erkannte er, dass es genau sein Lebenskreuz war, das er bisher so unzufrieden abgelehnt hatte. –

Als er wieder erwacht war, nahm er dankbar seine Lebenslast auf sich und klagte nie mehr darüber, dass sein Kreuz zu schwer für ihn sei. „

Als die Band danach spielte, kam mir sofort die Erinnerung hoch. Nach Tobias Tod habe ich oft gedacht,warum muss ich das ertragen bzw. das kann ich nicht länger ertragen, das stehe ich nicht durch. Es gab auch immer wieder Punkte, da wollte ich auch einfach nicht mehr. Drei Jahre später als ich im Vorstand der Verwaisten Eltern saß und wir uns zum besseren kennen lernen, erzählten was uns verband, da dachte ich nur: Nein, ich möchte mit niemanden hier tauschen:

Die Mutter, deren vier Monate alter Säugling an einer Lungenentzündung starb, weil ihre Mutter, die Oma,  trotz Hinweises nicht ins Krankenhaus gefahren war. Hätte ich das jemals meiner Mutter verzeihen können? Hätte ich überhaupt je wieder mit ihr gesprochen? Aber genau das „Nicht-verzeihen-können“ hätte mich auf der anderen Seite selber aufgefressen.
Oder hätte ich mit meinen Schuldgefühlen weiterleben können, wenn mein vier jährigen Sohn an einem Badesee mit dem ich dort war, ertrunken wäre? Nein, ich glaube, das hätte ich nie geschafft.
Oder wie muss sich eine Mutter fühlen, deren fast erwachsener Sohn sich selber tötet? Als Mutter feststellen zu müssen, ihm nicht helfen, keine Geborgenheit geben zu können. Für mich fast das Grauenhafteste, was eine Mutter ertragen muss.

Keines der anderen Schicksale hätte ich ertragen können, mit niemanden hätte ich tauschen mögen…doch mit meinem hatte ich mich inzwischen arrangiert.

Diese Gedanken gingen mir wieder durch den Kopf und ich war froh, dass ich nur dieses Kreuz zu tragen hatte.

Ursprünglich geschrieben März 2008

Sommer, Sonne, Strand und Meer

Juli 11th, 2008

Meer mit Segelboot 

Wenn ich an Urlaub denke sind genau dies auch bei mir die Stichworte, die mir sofort durch den Kopf gehen. Seit wir Kinder haben, fahren wir an die Ostsee. Als erstes muss ich immer an den Strand zum Meer. Für mich beginnt der Urlaub, wenn ich am Strand meine Schuhe ausziehe, durch den Sand laufe und mit dem Füßen im Wasser stehe. Ich atme die salzige Luft, höre das Meer rauschen und ein kleines Glücksgefühl durchströmt meinen Körper.

 

Im Urlaub gibt es für mich kaum etwas schöneres als am Strand spazieren zu gehen. Das Wetter ist dabei fast egal. Hauptsache es ist warm genug, dass ich barfuß gehen kann. Ich will den Sand und das Wasser spüren. Der Horizont begrenzt den Blick nicht, er kann frei auf dem Wasser schweifen, so wie auch die Gedanke frei kommen und gehen, ohne Begrenzung, Regeln und Zwang. Das rhythmische Geräusch des Wellen tut gut, es beruhigt und gibt mir Vertrauen. Ich versinke da manchmal total in meinen Gedanken. Stundenlang kann ich am Stand entlanggehen. Unsere Bischöfin Margot Käßmann erzählte, sie bete oft beim Joggen. Dazu reicht, fürchte ich, meine Puste nicht, aber bei einem Strandspaziergang mache ich das auch oft.

 

Ursprünglich geschrieben 3.06.2008
Veröffentlicht im Paulusbrief

Wir durften einmal kurz mit ihren Augen ein Blick in ihr Leben werfen

Juli 11th, 2008

 Ein Abend voller Gedichte mit Dorothee Sölle

 Der Name Dorothee Sölle sagte mir mit Ausnahme des Stichwortes „Gott ist Tod“ im Zusammenhang mit Ausschwitz nicht so sehr viel. Angezogen zu den beiden Abenden „Auf den Flügeln der Poesie“ hatte mich ehrlich gesagt auch mehr der Hinweis auf ihre Gedichte. Seit einigen Jahren üben Gedichte auf mich ein große Fazination aus. Den Zugang zu Gedichten erhielt ich erst nach dem Tod meines Sohnes. Sie waren zunächst das einzige, was ich ertrug zu lesen, und irgendwann fing ich selber an zu schreiben und seitdem lassen mich Gedichte nicht mehr los.

Durch ihre Gedichte erfuhren wir viel mehr von Leben Dorothee Sölles, als duzende Vorträge hätten es vermocht. Wir durften einmal kurz mit ihren Augen ein Blick in ihr Leben werfen.

An den Abenden teilten wir uns in zwei Gruppen auf und lasen zunächst die Gedichte jeder für sich und dann wurden sie von einem Teilnehmer laut gelesen. Schon hier beeindruckte mich, wie sich die Gedichte veränderten, je nach dem, wer sie vorlas und nochmal durch das Vorlesen am Ende das Abends. Schwerpunkte der Abende waren Kindheit/Erinnerungen, politisches Bewußtsein, Frauen und Gebete/Biblische Texte. Im Anschluss an eine Teepause, die viel Gelegenheit zum persönlichen Austausch gab, wurden zu den Gedichten der persönliche zeitliche Hintergrund zum Leben von Dorothee Sölle beleuchtet und zusammen mit ihren Gedichten in einen Lebensbaum eingetragen, so dass zum Schluß auch optisch der Lebensweg von Dorothee Sölle für alle erfahrbar war.

Der erste Abend, in dem es in unsere Gruppe um ihre Kindheit/Erinnerungen ging, war geprägt von den persönlichen Eindrücken der Teilnehmer, die aufgrund der Gedichte entstanden. Die Offenheit unter den Teilnehmern, war sehr beeindruckend. Einige erzählten eigene Erlebnisse aus dem dritten Reich und in mir wurden – durch die Gedichte – die Erlebisse meines Vater aus dieser Zeit wieder wach, von denen er uns so oft erzählt hatte.

Faszinierend für mich war insbesondere, wie auf der einen Seite Gedicht, die zunächst kaum verständlich, durch die verschiedenen Beiträge der Teilnehmer klarer wurden und auf der anderen Seite, Gedichte, die scheinbar relativ klar waren, doch voller Widersprüche zu sein schienen. Die Gedichte wurde fast lebendig durch die Diskussion mit den anderen. Jeder trug einen kleinen Mosaikstein dazu bei und so wurde am Ende daraus ein Mosaik mit wundervollen Bildern.

Mein Lieblingsgedicht war „Begegnung zweier Frauen“: Es machte mir Spaß zu sehen, wie selbstkritisch Dorothee Sölle in diesem Gedicht sich darstellte und das noch mit einem so wunderbaren Humor.

Es waren zwei sehr beeindruckende Abende und ich hoffe, wir müssen nicht allzu lange auf die Fortsetzung der „Gedichte zu Gottesfragen“ warten.

Eine begebenheit zwischen zwei Frauen

Keine ohren hatte die aufmerksame
kein lächeln die freundliche übrig
anfang mai vergaß die zuverlässige dinge
und die pünktliche kam eine stunde zu spät

Ich fing an die veränderungen zu notieren
ich häufte meinen kleinen ärger zusammen
als wär ich eine maschine die aufleuchtet
wenn etwas nicht stimmt

Bis karen ehe ich noch zum reden kam
von den mundwinkeln ausgehend lächelte
und in ihrer wissenschaftlichen art bemerkte
vorbehaltlich der testergebnisse
sei es nicht auszuschließen
dass sie um weihnachten herum
sie sei sich da ziemlich sicher
weil sie sich in der u-bahn mehrfach übergeben musste
ein kind bekäme
da habe ich mich sehr geschämt
weil ich es nicht gesehen hatte
und meiner vergesslichkeit wegen
als wär ich im tüchtigen leben ein mann geworden

Aber je mehr ich mich schämte
desto mehr freute ich mich
karen bekam ein jungesmädchengesicht
und ich ein paar großmutterfalten

Ursprünglich geschrieben 17.03.2006
Veröffentlicht im Paulusbrief

Und auch in das Leben verliebe ich mich immer wieder neu

Juli 11th, 2008

  „Fühlst du Dich auch noch frisch verliebt?“, fragte mich eine Freundin, als ich ihr vor einem Jahr von dem Zwischenhaltgottesdienst zu diesem Thema erzählte. Ich überlegte kurz: ja manchmal schon. Eine Woche später fand ich auf meinem Laptop einen Kasten mit Marzipanherzen und einen kleinen Liebesbrief von meinem Mann, einfach nur so. Das sind solche Augenblicke, wo ich wieder Herzklopfen und ein Kribbel im Bauch habe, mich wie frisch verliebt fühle.

Ich war neugierig, ob nicht nur ich so nach 21 Jahren Beziehung fühle und posteste ich in einem Forum im Internet. Ich war ganz überrascht, wie schnell ich Antworten darauf bekam:

Michaela schrieb: „Schmetterlinge im Bauch, nichts mehr essen können, SEHNSÜCHTIGES Warten auf einen Brief, ein Telefonklingeln, Küsse im Regen und deshalb Dauerschnupfen, das Gefühl, auf Wolken zu schweben, aufgeregt sein…. Nein, wie frisch verliebt fühle ich mich nach fast 14 Jahren Ehe und fast 20 Jahren Beziehung nicht mehr. Es hat sich verändert in eine Richtung des engen Zusammengehörigkeitsgefühls, tiefen Vertrauens, aufeinander Verlassen können und Wohlfühlen miteinander. Doch geblieben ist eine tiefe Sehnsucht, wenn der andere für längere Zeit weg ist.“

 

Katha „Ich denke, dass eine Beziehung immer mal wieder Phasen braucht, in denen man sich in seinen Partner neu verliebt. Denn der Mensch verändert sich immer wieder und somit gibt es immer wieder neue Seiten zu entdecken. Wenn man diese findet und genauso liebt wie die anderen…“

 

Heidi “Ja, ich bin immer mal wieder frisch verliebt. Zum einen in meinen Mann, dann habe ich wieder Schmetterlinge im Bauch, finde ihn unglaublich süß, einfach nur toll. Die ersten Tage nach der Geburt einer meiner Töchter war ich stets wie betrunken vor Glück. Einfach nur verliebt in dieses frische Wesen. Und auch heute verliebe ich mich immer wieder in meine Kinder. Denke tagsüber an sie und muss schmunzeln, freue mich aufs Nachhausekommen,…Und auch in das Leben verliebe ich mich immer wieder neu. Nach einer besonders trüben Zeit scheint endlich wieder die Sonne, und alles erscheint in einem anderen Licht. Dann fühle ich mich verliebt ins Leben, freue mich wie Bolle über „mein“ Leben, über die Gesundheit meiner Kinder. Dann genieße ich jeden Sonnenstrahl und liebe einfach alles und jeden!!!!! Viele wirre Gedanken, wahrscheinlich auch nicht wirklich etwas Brauchbares dabei. Hat aber trotzdem Spaß gemacht „

 

😀„ Uns auch, oder?

 

Ursprünglich geschrieben 1.03.2007
Veröffentlicht im Paulusbrief