Archive for Juli 17th, 2008

Zeit der Stille

Donnerstag, Juli 17th, 2008

Waren Sie schon einmal in unsere Kirche?

Nein, nicht im Gottesdienst, sondern einfach so mitten beim Einkaufen in der für  Sie geöffneten Kirche?

Ich mache das regelmäßig. Meistens freitags, wenn ich Einkaufen gehe. Neulich habe ich das nicht nur mit meinem jüngsten Sohn, der dies in der Karre oft verschläft, sondern auch mit meinem Sohn Pascal ( 6 ½) gemacht. Unsere Kinder gehen gerne in Kirchen, weil wir dies in fast jeder Stadt machen, die wir besuchen. Obwohl sie sehr lebhaft sind, werden sie dort immer ganz ruhig und haben inzwischen auch verstanden, dass man dort nicht durch kurze kleine Schreie die Akustik prüft.
Pascal ging sofort nach vorne, wo ein kleiner Tisch aufgebaut war, liebevoll geschmückt, mit einer Schüssel mit Sand,  in der eine Kerze brannte, daneben die Bibel und andere Bücher, die zum Lesen einluden und sagte: „Mama, ich möchte eine Kerze für Tobias anzünden, aber wo kommt denn das Geld für die Kerze rein?“. Aber schon hatte er den kleinen Kasten entdeckt und sofort zündete er an der brennenden Kerze seine Kerze für seinen Bruder Tobias an.

Pascal beim Anzünden einer Kerze

Auch wenn ich alleine bin, zünde ich eine Kerze für Tobias, unseren ersten Sohn, der bei der Geburt starb, an, bete und setze mich dann in die Bank. Dann genieße ich die Ruhe, diese wunderbare Stille und nehme mir einfach mal Zeit zum Nichtstun. Natürlich könnte ich das auch bei uns zu Hause bei einer Tasse Tee machen – wenn es tatsächlich mal ruhig wäre -, aber das ist nicht das Gleiche. Hier in der Kirche läutet kein Telefon, guckt mich keine Wäsche an, die in der Keller getragen werden will, kein Spielzeug unter dem Tisch lugt hervor, das aufgehoben werden will,…
Hier kann ich einfach nur sitzen und bekomme ein wunderbares Geschenk:

Zeit der Stille

Vielen Dank an die Ehrenamtlichen, die unsere Kirche für uns öffnen.

Ürsprünglich geschrieben 2006
veröffentlicht im Paulusbrief

Waldfriedhof, ein Ort der Besinnung und Erinnerung

Donnerstag, Juli 17th, 2008

Waldfriedhof in Buchholz

Vor Vor ein paar Wochen habe ich einen Spaziergang über den Waldfriedhof gemacht. Ein wunderschöner ruhiger Ort. Lange blieb ich vor den Kindergräber stehen. So viele liebevoll gestaltete und gepflegte Gräber.
Es ist schon verwunderlich: auf der einen Seite geht die Entwicklung immer mehr zu einer anonymen Bestattung. Keine Trauerfeier und kein Grab, das zu pflegen ist. Aber auf der anderen Seite kämpfen Eltern von still geborenen Babys, die das Mindestgewicht von 500 g nicht erreicht haben, um eine Bestattung und ein eigenes Grab, weil sie die anonyme Sammelbestattung, die oft von den Krankenhäusern vorgenommen wird, nicht möchten. Ihnen ist wichtig einen eigenen Platz für ihre Trauer zu haben, einen Ort, den sie auch gestalten dürfen.
Da ich trauernde Eltern, die ein Baby verloren haben, begleite, bin ich schon häufig mit Eltern zum Grab ihrer Kinder gegangen. Es ist immer eine sehr beeindruckende Begegnung. Die Eltern gehen ganz natürlich und selbstverständlich damit um. Sie freuen sich, daß sich jemand für ihr Kind interessiert, ihnen zuhört und sie stolz das Grab zeigen können.
Warum wollen so viele eine anonymen Bestattung? Warum scheuen so viele einen Besuch auf den Friedhof?
Vielleicht weil es nicht mehr üblich ist, mit der Familie auf den Friedhof zu gehen, um das Grab der Großeltern zu pflegen, Blumen dorthin zu bringen und eine Kerze anzuzünden? Diese Traditionen scheinen offenbar verloren gegangen zu sein und somit das Wissen, wie wichtig solche Orte der Erinnerung sein können.
Ich erinnere mich gerne daran, wie mein Vater mit uns zum Friedhof gefahren ist, um dort das Grab seiner Eltern und seines Bruders zu pflegen. Er erzählte uns dabei immer viele interessante Geschichten von ihnen. So erfuhren wir viel über unsere Großeltern und unseren Onkel, die wir nie kennen gelernt hatten. So lebten sie ein Stück weiter. Genau zu diesem Grab, wo inzwischen mein Vater und unser erster Sohn beerdigt ist, fahren auch wir regelmäßig mit unseren Jungs. Sie fahren gerne dorthin und wissen genau wo das Grab ist. Er wird erst einmal Unkraut gejätet, dann eine Blume gepflanzt und fast immer auch etwas gebasteltes dort aufgestellt. Auch ich erzähle ihnen inzwischen Geschichten, die ich selbst von meinem Vater gehört habe, Geschichten von ihrem Großvater und sie fragen auch ganz viel über ihren Bruder Tobias.
Vielleicht werden sie eines Tages diese Tradition mit ihren Kindern fortsetzen und ihnen auch die Geschichten ihrer Urgroßeltern erzählen.

 Ursprünglich geschrieben Juli 2006