Archive for Juli 14th, 2008

Versetzung gefährdet

Montag, Juli 14th, 2008

 Versetzung gefährdet

Versetzung gefährdet ist das Thema des Gottesdienstes Zwischenhalt – denn Ferien- und Zeugniszeit stehen vor der Tür.  Kennen wir das nicht fast alle selbst oder von unseren Kindern, ob groß, ob klein  – die Erwartung von weniger guten Zensuren und den damit verbundenen Sorgen?

Mutig stellt sich Ann-Kathrin Kahle – eine „Elft-Klässlerin“, die eine Klasse wiederholt hat, den Fragen von Pastor Michael Wabbel. Beeindruckend offen erzählt sie, wie es ihr als Wiederholerin ergangen ist und zeigt, dass auch so was kein Weltzusammenbruch ist, sondern eine neue Chance eröffnet, die sie offenbar wahrgenommen hat.

Der zweiter Interviewpartner erzählt, ebenso mutig, er sei drei mal von der Schule geflogen, aber seine Eltern haben gleichwohl zu ihm gehalten und auf ihn vertraut, so dass er letztendlich doch noch eine glänzende Karriere machen konnte.

Bewusst wurde uns Zuhörern, wie wichtig es für Betroffene ist, bei allem Zeugnis-Missmut doch Verständnis zu spüren, sich geborgen zu fühlen, um mit neuem Mut wieder eine Schul- oder Lebens-Runde weiterzukommen.

Wie immer spielt die Zwischenhaltband Lieder deren Musik und Texte unter die haut gehen. Besonders berührt hat mich das Lied Zeugnistag , in welchen Reinhard May erzählt, wie seine Eltern trotz seiner Unterschriftsfälschung ihn nicht allein ließen.

Ich denke, ich muß so zwölf Jahre alt gewesen sein, und wieder einmal war es Zeugnistag. Nur diesmal, dacht‘ ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein, als meines weiß und häßlich vor mir lag. Dabei war’n meine Hoffnungen keineswegs hochgeschraubt, ich war ein fauler Hund und obendrein höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt, so ein totaler Versager zu sein.

So, jetzt ist es passiert, dacht‘ ich mir. jetzt ist alles aus, nicht einmal eine 4 in Religion. Oh Mann, mal diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus, sondern allenfalls zur Fremdenlegion. Ich zeigt‘ es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie, schön bunt, säh nicht schlecht aus, ohne zu prahl’n! Ich war vielleicht ’ne Niete in Deutsch und Biologie, dafür konnt‘ ich schon immer ganz gut mal’n!

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus, die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt. Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus, so stand ich da, allein, stumm und geknickt. Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück, voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat’ne Stuck, diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.

Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Auch meine Mutter sagte. ja, das sei ihr Namenszug, gekritzelt zwar, doch müsse man versteh’n, daß sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug, dann sagte sie: „Komm, Junge, laß‘ uns geh’n.“

Ich hab‘ noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor’n und lernte widerspruchslos vor mich hin Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn, daß ich dabei nicht ganz verblödet bin! Nur eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt, die eine nur aus dem Haufen Ballast: Wie gut es tut, zu wissen. daß dir jemand Zuflucht gibt. Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!

Ich weiß nicht, ob es rechtens war, daß meine Eltern mich da rausholten, und wo bleibt die Moral? Die Schlauen diskutieren. die Besserwisser streiten sich, ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt, und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind, wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt, Eltern, die aus diesem Holze sind, Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind!

Pastor Wabbel erzählt uns dazu passend in zeitgemäßem Wortlaut das Gleichnis vom verloren gegangenen Sohn.

Wir nehmen etwas aus diesem besonderen Gottesdienst mit – eine kleine Mischung aus Mut, Verständnis und Wärme für andere und auch für uns.

Ursprünglich geschrieben August 2006
veröffentlicht im  Paulusbrief

Sternstunden

Montag, Juli 14th, 2008

Meine persönliche Sternstunde

Heute Abend war ich mal wieder zu einem der besonderen Abendgottesdienste in unserer Gemeinde – ich hatte glaube ich schon mal hier davon berichtet. Es spielt dort immer eine Band, es gibt Interviews und eine besondere Aktion. Eigentlich hatte ich ja gar keine Zeit…Elias wird morgen 4 Jahre alt: Geschenke muss ich noch einpacken, zwei Kuchen für den Kiga backen, eine Torte für morgen zum Kindergeburtstag, den Geburtstagskerzenzug aufbauen und die Spiele für morgen noch raussuchen…Kai erinnert mich: „ Du wolltest noch zur Kirche, oder?“. Ja, genau, da wollte ich hin, auch wenn ich wenig Zeit habe, aber das brauche ich heute Abend. Dieses Mal stecke ich nicht zurück. Ziehe mich an, setze mich auf mein Fahrrad und fahre zur Kirche…

Das Thema der Predigt war „Sternstunden“. Der Pastor fragte:“Haben auch sie eine persönliche Sternstunde in ihrem Leben gehabt, einen Augenblick in dem sie ganz eins mit sich selbst waren?“. Er erzählte weiter und meine Gedanke schweiften ab. In mir kamen sofort die Bilder nach der stillen Geburt von Tobias hoch. Ja, da war ich total eins mit mir. Ich hatte ihn im Arm und bewunderte ihn. So einen hübschen, perfekten kleinen Jungen. Das ist mein Sohn, so was wunderbares. Ich traute ihn kaum anzufassen, so berührt war ich. Der war die ganze Zeit in meinen Bauch, hat mich getreten und seine Turnübungen gemacht. Ich hatte mich auf der Stelle in ihn verliebt. Ich weiß heute nicht mehr wie lange ich ihn im Arm gehabt hatte, ich hatte alles um mich herum vergessen nichts wahrgenommen. Ja, Kai muss neben mir gesessen haben, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr. Ich erinnre mich nur an Tobias und mich. „Einen Augenblick, in dem ihr Herz ganz zärtlich berührt wurde…“ höre ich wieder den Pastor. Ja, genau, Tobias hat ganz zärtlich mein Herz berührt, genauso war es…Ich schweife wieder ab, bis ich ihn zum Schluss höre:“Für die letzte Adventswoche wünsche ich ihnen eine solche Sternstunde..“. Nein, ich schüttel heftig den Kopf, nein, noch so eine Sternstunde möchte ich nicht, darauf würde ich lieber verzichten. Ich bin wieder ganz da und denke nur, hoffentlich hat mich niemand beobachtet…und lächle.
Am Ausgang schüttel ich seine Hand und sage mit einem breitem Lachen:“Tschüss Michael, eine schöne dritte Adventswoche wünsche ich Dir..:“ und fahre ganz beschwingt nach Hause.

Bis auf die Torte, die noch im Ofen ist, habe ich alles geschafft…

Ursprünglich geschrieben am 16.12.2006

DurchKREUZTEWege

Montag, Juli 14th, 2008

Am Sonntag war ich mal wieder in einer unsere Abendgottesdienste. Von einigen habe ich schon einmal berichtet. Sie sind immer etwas ganz besonderes. Er steht immer unter einem Thema,dieses Mal „gekreuzte Wege“. Es spielt eine Band, es werden Interviews geführt, man muss etwas machen und es gibt neben der Predigt auch immer eine Geschichte zum Nachdenken. Dieser Gottesdienst löst ganz oft, viele Gedanken in mir aus und deshalb möchte ich Euch heute davon erzählen:

Es wurde die folgende Geschichte erzählt:

„Meine Last ist zu schwer
 Ein Mann war mit seinem Los unzufrieden und fand seine Lebenslast zu schwer.

 Er ging zu Gott und beklagte sich darüber, dass sein Kreuz nicht zu bewältigen sei

Gott schenkte ihm einen Traum:

Der Mann kam in einen Raum, wo verschiedene Kreuze herumlagen. Eine Stimme befahl ihm, er möchte sich das Kreuz aussuchen, das seiner Meinung nach für ihn passend und erträglich wäre.
Der Mann ging suchend und prüfend umher. Er versuchte ein Kreuz nach dem anderen. Einige waren zu schwer, andere zu kantig und unbequem, ein goldenes leuchtete zwar, war aber untragbar. Er hob dieses und probierte jenes Kreuz. Keines wollte ihm passen.
Schließlich untersuchte er noch einmal alle Kreuze und fand eines, das ihm passend und von allen das erträglichste schien. Er nahm es und ging damit zu Gott. Da erkannte er, dass es genau sein Lebenskreuz war, das er bisher so unzufrieden abgelehnt hatte. –

Als er wieder erwacht war, nahm er dankbar seine Lebenslast auf sich und klagte nie mehr darüber, dass sein Kreuz zu schwer für ihn sei. „

Als die Band danach spielte, kam mir sofort die Erinnerung hoch. Nach Tobias Tod habe ich oft gedacht,warum muss ich das ertragen bzw. das kann ich nicht länger ertragen, das stehe ich nicht durch. Es gab auch immer wieder Punkte, da wollte ich auch einfach nicht mehr. Drei Jahre später als ich im Vorstand der Verwaisten Eltern saß und wir uns zum besseren kennen lernen, erzählten was uns verband, da dachte ich nur: Nein, ich möchte mit niemanden hier tauschen:

Die Mutter, deren vier Monate alter Säugling an einer Lungenentzündung starb, weil ihre Mutter, die Oma,  trotz Hinweises nicht ins Krankenhaus gefahren war. Hätte ich das jemals meiner Mutter verzeihen können? Hätte ich überhaupt je wieder mit ihr gesprochen? Aber genau das „Nicht-verzeihen-können“ hätte mich auf der anderen Seite selber aufgefressen.
Oder hätte ich mit meinen Schuldgefühlen weiterleben können, wenn mein vier jährigen Sohn an einem Badesee mit dem ich dort war, ertrunken wäre? Nein, ich glaube, das hätte ich nie geschafft.
Oder wie muss sich eine Mutter fühlen, deren fast erwachsener Sohn sich selber tötet? Als Mutter feststellen zu müssen, ihm nicht helfen, keine Geborgenheit geben zu können. Für mich fast das Grauenhafteste, was eine Mutter ertragen muss.

Keines der anderen Schicksale hätte ich ertragen können, mit niemanden hätte ich tauschen mögen…doch mit meinem hatte ich mich inzwischen arrangiert.

Diese Gedanken gingen mir wieder durch den Kopf und ich war froh, dass ich nur dieses Kreuz zu tragen hatte.

Ursprünglich geschrieben März 2008